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Yin in einer von Yang dominierten Welt

Einst, im Jahreskurs geschehen:

Wir befassen uns mit Yin und Yang. Es kommt die Frage auf, was weibliche Kraft sei. Das Gespräch erwuchs zur Diskussion, die kein Ende nahm. Für viele war es eine Herausforderung, in verschiedenster Weise. Auch für mich.

Was ich mit Herausforderungen mache: Ich lasse sie nachwirken, ich empfinde sie. Dann, plötzlich und scheinbar aus dem Nichts, kommt dazu noch eine Erklärung, eine Analyse, ein Satz, eine Erkenntnis, die mich aufatmen lässt. So auch hier. Darum folgt hier eine kurze Analyse unseres Gesprächs. Es geht nur um die Dynamik, nicht um das Thema an sich. Denn der Grundgedanke ist so essentiell und wichtig, dass er einer Veröffentlichung wert ist.

Die Essenz ist: Wir leben in einer yangdominierten Welt. Auch Yin wird sehr schnell veryangt. Yin beginnt seit neuerer Zeit, dynamisch zu werden. Doch die Form dieser Dynamik muss noch gefunden werden.

Es kam also ein Input, ein Impuls, der Bewegung verursachte. Er ging durch die Runde. Es war die Frage nach der Qualität von weiblicher Kraft. Was ist weibliche Kraft? Ist Yin kraftvoll, und wie?
Was schnell geschah: der Versuch, alles zu relativieren, kontextabhängig zu machen. Wasser ist, je nach Kontext, weich und sanft, also Yin, oder auch hart und zerstörend, also Yang.
Was hier also passierte, war die Suche nach Konsens, nach Harmonie. Unglücklicherweise konnte das nur geschehen, indem man "den kleinsten gemeinsamen Nenner" fand und sich auf diesen beschränkte. Es herrschte die Meinung, dass man nicht wirklich darüber reden könne, da es mit dem Kontext und dem eigenen Empfinden zu tun habe.
Womit denn auch jede Dynamik erstarb, und man in scheinbarer Harmonie war. Alle waren sich einig, dass man darüber eigentlich nichts sagen kann.

Taiji ist jedoch eine dynamische Harmonie, keine nivellierte, flache. Das ist ein Irrtum, der gerade in Taiji-Kreisen weit verbreitet ist (und, für Leser der Taiji-Tipps und anderen Interessierten dem grünen Meme aus Spiral Dynamics entspricht). Darum habe ich denn diesen Moment auch durchbrochen. Doch zuerst noch einmal zum Vorgang der Nivellierung. Und dazu setzen wir das ganze Geschehen in einen grösseren Kontext, den ich damals auch benannt hatte:
Über etwas zu reden und es zu diskutieren, ist eine Yang-Angelegenheit. Natürlich reden auch Frauen, die generellen Vertreterinnen des Yin über Dinge, doch anders (und das ist immer generell und tendenziell gemeint): Männer reden, um möglichst schnell zu einer Lösung zu kommen. Frauen reden, um das Objekt von den verschiedensten Seiten zu beleuchten, aber nicht, um primär zu einer Lösung zu kommen. Frauengespräche sind feldförmig, Männergespräche linear wie ein Strahl. Frauengespräche beruhen eher auf Ermutigung, Männergespräche eher auf Kritik.

Die Diskussion, von einer Frau initiiert und über die weibliche Kraft, wurde ganz automatisch in das Yang-Muster von Gesprächen gebracht. Das passiert meist, wenn Frauen und Männer zusammen reden, da wir in einer von Yang dominierten Welt leben, und uns gewohnt sind, uns in Yang-Mustern auszutauschen.
Der Versuch, einen Konsens im kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, war der Versuch, ein Yin-Gespräch in einem Yang-Muster zu führen, also ein reines Beleuchten und Empfinden eines Aspektes in eine lineare, Lösungsorientierte Form zu bringen. Daraus entstand diese seltsame, androgyne Form des Gesprächs, das einen harmonischen Konsens kreierte, einer der nicht nur die Yang-Dynamik zum Erliegen brachte, sondern ebenso die Yin-Dynamik.
Darum also habe ich diese Zwischenform von "Lösung" durchbrochen, indem ich sie kritisch benannte.

Dieses Nivellieren auf die Tatsache, dass jeder Recht hat und man daher gar nicht diskutieren kann, ist eine Zeiterscheinung und Stadium eines wichtigen Entwicklungsprozesses. Aber eben nur ein Stadium. Da es in sich nicht dynamisch ist, hat dieses Stadium die Tendenz, zu einem längeren Zustand zu werden, der irgendwann irgendwie aufgebrochen werden muss. Die Pluspunkte sind natürlich auch das gegenseitige Wohlwollen und der Respekt einander gegenüber.

Aber schlussendlich ist dieser Zustand auch verdeckter Individualismus. Er entsteht, und das möchte ich noch einmal betonen, zu einem großen Teil daraus, dass Yin versucht, sich in einem Yang-Muster zu äussern. Was nicht gelingen kann. Aber es ist der Versuch, und dieser ist zu ehren. Viel zu lange hat Yin überhaupt nichts mehr versuchen können. Das ist also ein großer Schritt! Während vieler Jahrtausende hat sich durch die verschiedensten Kulturen und die sich ständig verändernden Wertesysteme die Yangdominanz wie ein roter Faden gezogen. Dass nun Yin im kollektiven Masse, in Gruppen, im Zeitgeist, in Wertesystemen, in Erscheinung tritt, ist eine wunderbare Neuigkeit (neu seit ca. 1968)!
Die Essenz des Gesprächsmusters war am Ende des Gesprächs noch einmal klar zu Tage getreten: Während eine Teilnehmerin ihr reines Empfinden dem Wort "entgegentreten" zum Ausdruck brachte, wurde das Wort von männlichen Teilnehmern analysiert. Das ist in Ordnung, doch geschah das Klassische: das Analysierende versuchte, das Empfindende von der Alleingültigkeit seines Standpunktes zu überzeugen. Dabei wäre es eine Bereicherung, beide Betrachtungsweisen als gültig und sich ergänzend anzuerkennen.

So ist denn meiner Meinung nach immer noch die Entfaltung des Yin und das Finden eines ihm angemessenen Ausdrucks ein ganz großes Ziel des Taiji. Wir haben es versucht! Und wir werden es weiter erforschen... Und immer wieder zu unserem Körper und unseren Bewegungen, zu unserer Mitte zurückkehren.