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Was ist Taiji nicht? Und Philosophie, Kunst und so...

Na klar, Taiji ist sich bewegen. Und Kampfkunst. Und sowieso eine Kunst, also Bewegungskunst. Dazu später.

Ist Taiji eine Philosophie? Wie so oft, wenn wir über etwas philosophieren, in diesem Fall Taiji, suchen wir bestenfalls eine Definition.
Taiji ist eine Philosophie, wenn die simple Tatsache, dass es links und rechts gibt, und dass es das eine nicht ohne das andere geben kann, eine Philosophie ist. Das ist doch Alltag, oder nicht? Oder dass es Mann und Frau gibt, und auch hier gibt es das eine nicht ohne das andere. Das ist aber eher Biologie als Philosophie. Oder dass es (mindestens) ein Elektron gibt, und dazu gehört ein Positron. Physik oder Chemie, aber keine Philosophie. Also ist Yin und Yang nicht Taiji… oder?
Abgesehen von Yin und Yang, welches Taiji auszumachen scheint, gibt es da zum Beispiel das Phänomen, dass Energie und Körper zusammengehören und sich beeinflussen. Das ist eher Medizin als Philosophie.
Oder das Wu Wei, das Handeln durch Nichthandeln, ein «spirituelles Prinzip». Nun, ich bin kein Freund der heutigen Verpsychologisierung von Allem. Aber es gibt auch die Verspiritualisierung von Allem. Darum: Tatsache ist, dass die meisten spirituellen Herausforderungen eigentlich psychische Herausforderungen sind. Nur klingt das nicht so spektakulär und die Arbeit daran ist auch nicht so angenehm. Es ist jedoch so, dass spirituelle Dinge wie Wu Wei nicht mehr erarbeitet werden müssen, wenn im entsprechenden Bereich das Psychische bearbeitet ist. Ich reduziere damit Spiritualität nicht auf Psyche oder gar Psychologie, postuliere aber, dass sich das Spirituelle aus dem gelösten (bzw. gesunden, integrierten) Psychischen ergibt. (Aus dem momentan gelösten Psychischen, was sich als momentanes Ereignis manifestiert, oder als dauerhaft Gelöstes, welche sich als dauerhafte, neue, klare Seinsebene manifestiert. Der Schritt auf eine neue Ebene heisst Transformation, zu Transformation später). In diesem Bereich ist Taiji also eher psychologische Arbeit als Philosophie.
Womit auch gesagt ist, dass weder Yin und Yang noch Wu Wei wirklich chinesisch sind. Sie sind universal. Wer Taiji ausschliesslich als chinesische Kunst praktiziert, tut dies wohl eher aus der (durchaus auch legitimen) Freude am Exotischen.
Auch das Loslassen mentaler Aktivität und das Einsinken in die Stille sind keine Philosophie, aber auch nicht Taiji, und man muss daraus auch keine Philosophie oder etwas Exotisches machen. Es ist ganz einfach Meditation, die es auch in unseren Breitengraden schon eh und je gegeben hat, und wenn wir es physiologisch betrachten, ist es ganz einfach das Herunterfahren von Gehirnwellen, egal, in welchem Breitengrad ich meditiere. Das Eine ist die Meditation, das Andere die Interpretation davon. Daraus ergeben sich die spirituellen Systeme und Religionen.
Auch dynamisch-entspannte Bewegung, die sechs Koordinaten, die intra- und intermuskuläre Koordination sind keine Philosophie. Das macht jeder gute Sportler. Es ist Sport.

Philosophie, der Ausdruck der Liebe zur Weisheit, ist ebenso wie Taiji ein Weg, eine Disziplin und eine Kunst. Ein Weg? Alan Watts sagt (hier und hier): «...denn der Mensch kann als Einzelner nicht richtig denken, und der Philosoph muss seine Gedanken auch deshalb publizieren, um von der Kritik zu lernen, und nicht nur, um zur Summe der Weisheit einen Beitrag zu leisten.» (In diesem Sinne ermuntere ich zu Kritik, die man hier anbringen kann).

LaoDao

Herzlichen Dank, LaoDao, für deinen Kommentar… Trotzdem, weiter im Text:
Grundlage jeder Kunst ist das Handwerk. Vorwand oder Übungsgefäss für die Entwicklung handwerklicher Fertigkeiten im Taiji/ IET sind die Prinzipien. Sie sind der Anlass, in einem stetigen Prozess des Ausprobierens, Erforschens, Wahrnehmens, Reflektierens, Empfindens, Auswertens, Ergründens und abermaligem Ausprobierens von Verbesserungen sich in einer endlosen, hoffentlich spriralförmigen Feedback-Schlaufe die Wahrnehmung, die Verarbeitung, Umsetzung und Manifestation zu üben. Dies macht jeder gute Handwerker und macht Taiji noch nicht zu einer spirituellen Disziplin. Erst wenn

  • das Übungssystem nicht mehr geschlossen ist – Ich übe die Soundso-Form –, sondern spiralförmig immer mehr einbezieht (schlussendlich bis zu Allem ohne das Andere),

  • sich nicht nur auf die sachliche Perspektive beschränkt – Ich übe die Soundso-Form –, sondern den Schritt in die ICH-Perspektive macht: Ich verfeinere mein Wesen, nicht die Form. Vielleicht durch die Soundso-Form, aber mein Wesen.

  • sich nicht auf sich selbst bezieht, sondern nach aussen strahlt und wirkt (ins WIR), ob leise und subtil wenige berührend oder aufregend und bombastisch die Masse, (schlussendlich Alles verändert), kann man von einer Kunst sprechen.

Und was heisst schon Kunst. Ein wirklich guter Maler behauptet nicht, dass er, wenn er den Pinsel über die Leinwand bewegt, «Kunst mache».
Ein Komponist «macht keine Kunst», er schreibt auf, was er hört.
Ein Schriftsteller «macht keine Kunst», er steht seinen Figuren nicht im Weg.
Eine Bewegungskünstlerin «macht keine Kunst». Sie bewegt sich.
Nur Narzissten «machen Kunst».

Und doch ist nicht jede Bewegung Kunst. Meine persönliche Definition bzw. Erfahrung von Kunst ist, dass sie transzendiert. Und zwar in dreifacher Hinsicht: die ausführende Person, das Werkzeug, Material oder Instrument und drittens den Betrachter. Bewegungskunst transzendiert also die Person, die die Bewegung macht (bzw. ist), die Bewegung selbst und allfällige Zeugen (die sich wirklich darauf einlassen).
Analog die Kampfkunst, sie transzendiert den Kämpfenden, den Kampf und den Gegner. Und Transzendenz, wie bereits erwähnt, definiere ich als den Schritt auf eine höhere, weitere, umfassendere Ebene.
Es ist also nicht einfach jede Bewegung Kunst. Auch ein «Künstler» ist nicht Kunst, und die Scheisse, die er produziert, ist auch nicht Kunst. Man ist nicht einfach ein Künstler, nicht einmal ein Genie. Man startet als Lehrling, wird Handwerker, erlangt Meisterschaft im Handwerk – dann erst beginnt, allenfalls, der Weg der eigentlichen Kunst.
Ein Weg, den man nur gehen kann, wenn man ihn bereits in sich hat.

Was ist also Taiji, wenn es das alles nicht ist? Nun, das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden...