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Verschiedene Formen und Stile...

Stellen wir uns einen Ball vor, einen Ball, der alle Eigenschaften eines guten Balles erfüllt: Er ist rund, mit Luft gefüllt, nicht zu hart und nicht zu weich. Solange der Ball diese Eigenschaften erfüllt, spielt es keine Rolle, welche Farbe er hat. Wenn er rot ist, ist er ein Ball, wenn er blau ist, ist er auch ein Ball.
Nehmen wir an, ich möchte den Ball als Geschenk verpacken. Es ist egal, ob ich dazu eine grosse Kiste nehme oder eine kleine, ob diese Kiste aus Holz ist oder aus Karton, ob ich die Kiste dann noch mit Papier umhülle oder nicht - und welche Farben und Muster dieses Papier hat - und ob ich eine Schnur darum binde oder nicht: der Ball bleibt immer derselbe Ball. Er verliert keine seiner Eigenschaften und nichts an Qualität.
Wenn wir mit diesem Ball spielen, sind wir frei, was wir mit ihm tun. Wir können ihn uns am Strand zuwerfen oder wir können Fussball spielen, der Ball bleibt ein Ball.
So wie der Ball durch bestimmte Eigenschaften definiert wird, so wird auch Taijiquan durch bestimmte Eigenschaften definiert. Taiji wird beschrieben durch die Prinzipien, die wir im ersten Teil des Buches besprochen haben. Alles was unter Einhaltung dieser Prinzipien geschieht, ist Taiji. Ich kann damit machen, was ich will, solange ich die Prinzipien einhalte.
Eine Methode, die Prinzipien zu üben, ist das Fliessen durch die Form. Mit Form wird ein festgelegter Bewegungsablauf beschrieben, der im Taiji langsam und alleine ausgeführt wird. Verschiedene Stile des Taiji haben verschiedene Formen entwickelt. Welchen Stil man praktiziert spielt keine Rolle, denn der Stil ist nur Verpackung. Verschiedene Stile sind wie verschiedene Muster der Verpackung, gewisse sind schlichter, andere sind kunstvoller, manche haben ein Band rundherum, andere nicht. Die Stile tragen die Namen der Familien, in denen sie entwickelt und weitergegeben wurden. So kommt der Chen-Stil aus der Chen-Familie, der Yang-Stil aus der Yang-Familie, der Wu-Stil aus der Wu-Familie usw.
Es gibt Leute, die sagen, ein Stil ist besser als ein anderer, und eine Form ist besser als andere. Für mich sind es verschiedene Verpackungen. Man kann sich dabei aussuchen, was einem am meisten entspricht. Oder, wie wir sehen werden, kann man auch einfach seinen eigenen Stil entwickeln.

..., ein Ritual

Rituale und deren Sinn sind uns in unserer gegenwärtigen Kultur weitgehend abhanden gekommen. Sie sind aber so notwendig wie eh und je, da sie Initiationspunkte und Ventile für tiefe Aspekte unserer Psyche darstellen. Da wir sie in persönlichen Zeiten grosser Veränderungen immer noch bräuchten, schafft sich unsere Kultur eine ganze Reihe von Ersatzritualen. Das Verhängnisvolle dabei ist, dass diese 'Rituale' meist nicht den Charakter einer heiligen Handlung haben, sondern schlicht einer Flucht. Was damit versucht wird, ist aus dem engen Gefängnis des Mentalen auszubrechen, in dem wir heranwachsen und leben. Ersatzrituale sind verzweifelte Versuche einer Sinnfindung. Durch Flucht lässt sich aber keinen Sinn finden.
So ist zum Beispiel das Problem der Drogen sehr vielschichtig. Sie sind ein wirkungsvoller Weg, andere Bewusstseinsdimensionen zu erreichen und werden dementsprechend auch in echten Ritualen, zum Beispiel im Schamanismus, eingesetzt. Doch während sie dort zu einem heilenden und integrierenden Zweck eingesetzt werden, wenden wir sie so unkontrolliert an, dass sie zerstören und isolieren.
Ein anderes Beispiel sind Jugendbanden. Die Jugendlichen versuchen damit, den fehlenden Halt innerhalb einer Gemeinschaft, einer Familie oder eines Stammes wiederherzustellen. Zum Teil herrschen innerhalb solcher Banden hierarchische Strukturen. Bei vielen Urvölkern werden die jungen Stammesmitglieder in der Übergangszeit ins Erwachsenenalter auf Visionssuche geschickt, die einerseits die Brücke vom Kind zum Erwachsenen darstellt und andererseits den Platz und die Aufgabe in der Gemeinschaft aufzeigt. Solche echten Rituale werden in Banden durch Mutproben ersetzt. Das Problem ist, dass die Banden sich isolieren und sich darum selbst eine Initiation schaffen müssen, was nicht gelingen kann.
Auch Medienkonsum kann zum Ersatzritual werden. Während man ursprünglich am Feuer sass und sich Geschichten erzählte, sitzt man heute vor den Fernseher und glotzt. So durchziehen Ersatzrituale die gesamte westliche Gesellschaft, man könnte noch viele aufzählen. Was allen Ersatzritualen gemeinsam ist, ist ihr abstumpfender, isolierender, destruktiver Charakter.
Was wir brauchen, sind echte Rituale, die unseren echten Bedürfnissen gerecht werden. Die Form ist ein solches Ritual. Sie ist der heilige Moment in unserem Tagesablauf, in dem wir uns voll und ganz auf uns, unser Sein, unsere Verbindung zu Erde und Himmel besinnen und diese Grundhaltung üben. Die Form ist ein Ritual der Besinnung.

Die Gefahr des Rituals

Rituale, da nur eine Form, die mit Inhalt, mit Sinn gefüllt werden muss, haben eine Tendenz zur Erstarrung. Dies geschieht, wenn das Hauptaugenmerk auf das Gefäss gelenkt wird, nicht auf den Inhalt. Diese Erstarrung können wir überall finden: Im Gottesdienst der Kirche, im klassischen Konzertleben, wo immer dieselben Werke aufgeführt werden, im Liebesakt, der zur blossen Gewohnheit oder 'Sache' wird, in den Werken eines Künstlers, der sich ständig selber wiederholt.
Sinn ist kreatives Entfalten, wohingegen das Ritual selbst nicht kreativ ist. Sobald also die Kreativität abhanden kommt, wiederholt sich eine hohle Form ohne Sinn.
Eine Form mit dem Sinn gleichzusetzen ist wie die Gebrauchsanweisung mit dem Fernseher zu verwechseln.
Was sind also die Qualitäten des Form-Rituales? Wie erfülle ich das Ritual mit Leben?

Das erfüllte Ritual

Der Schlüssel zu einem erfüllten Ritual liegt in der Intention, mit dem es ausgeführt wird. Je mehr ich von mir einbringen kann, desto tiefer die Wirkung. Ich möchte dazu von meiner eigenen inneren Art erzählen, mit dem ich die äussere Form erfülle.
Es gibt für mich zwei Betrachtungsweisen. Die eine ist, dass das Ritual mir hilft, mich zu vervollständigen. Im Falle einer Taiji-Form hilft sie mir, mich auf den drei Ebenen der körperlichen Integration, der Ebene der Interaktion und der spirituellen Ebene zu schulen und zu verfeinern. Diese Erkenntnis führt zu einer gewissen Demut und Dankbarkeit gegenüber der Form, einer gewissen Bewusstheit des heiligen Charakters.
Die andere Betrachtungsweise, die aus dieser Bewusstheit wächst, ist, dass wir, die eine Form machen, eine Verantwortung tragen. Wir sind diejenigen, die eine Jahrhunderte alte Linie des Bewusstseins am Leben erhalten. Wir sind Hüter eines Schatzes, den unsere Vorfahren geborgen und gehütet haben. Wir sind die vorderste Spitze einer Welle, die sich seit Jahrhunderten durch das Meer des Bewusstseins bewegt. Es liegt an uns, diese Welle der Kraft nicht verebben zu lassen und sie für unsere Nachfahren zu erhalten.
Jedesmal, wenn ich mich mit der überlieferten Form zu einem Tanz der Gegenwart verbinde, bin ich mir der Vergangenheit und der Zukunft bewusst, die sich darin vereint. Bevor ich beginne, rufe ich die vergangenen Taiji-Meister an bei mir zu sein und mit mir und durch mich zu fliessen. Ich bin ihnen dankbar und bin mir der Verantwortung bewusst, die ich gerne trage.
Dies sind meine persönlichen Intentionen, mit denen ich das Ritual-Gefäss fülle, um es lebendig zu erhalten. Jeder muss seine eigene Art des Dienstes finden.
Eine andere Ebene ist, dass ich die Form wirklich im vollen Bewusstsein mache, die Prinzipien dadurch in meinem Körper, meinem Wesen und meinem Geist zu verankern. Es empfiehlt sich, jedesmal eine Qualität oder eine Ebene (siehe unten) heraus zu nehmen und darauf während der Form zu fokussieren. Andernfalls besteht wieder die Tendenz, einfach Bewegungen zu machen, während ich in Wirklichkeit wo ganz anders bin.
Beim Üben der Form durchläuft man verschiedene Stadien: Am Anfang bewegen Sie sich durch die Form, überlegen, welcher Körperteil sich wohin bewegt, gehen von Stellung zu Stellung. Allmählich beginnen Sie dann, durch die Form zu fliessen, ohne viel überlegen zu müssen. Doch auch dies gehört noch immer zum Anfangsstadium. Erreichen Sie eine höhere Stufe, kehrt sich der Prozess um, und die Form fliesst durch Sie, während Sie einfach sind. Auf dieser höheren Stufe kommen Sie dem Taiji näher und näher. Doch Sie können und sollen noch weitergehen: Auf der dritten Stufe gibt es keine Trennung mehr zwischen Ihnen und der Form. Es ist der Zustand des dynamischen Seins, des ewig Wandelbaren, des Einsseins mit dem Dao, dem So-Sein.