Die erste und am weitesten verbreitete Art der Reaktion ist die des Widerstandes. Es ist tief in unserem Wesen drin, etwas abzuwehren, das von aussen auf uns zukommt. Was alle Tui Shou-Studenten zuerst lernen müssen, ist nicht Widerstand zu bieten. Widerstand bedeutet, Yang mit Yang entgegenzuwirken - was nicht Taiji ist.
Eine andere Art der Reaktion ist die Ergebenheit. Mit dieser Reaktion verharrt man in einer abhängigen Opferrolle, man gibt die eigene Verantwortung ab an jemand anderen. Der Reaktion liegt der Irrtum zu Grunde, dass der Angriff mit Yang-Energie völlig berechtigt sei und man es verdient habe, oder dass man sowieso keine Chance habe.
Leugnung ist wieder eine ganz andere Art der Reaktion. In der Psychologie heisst sie Verdrängung. Sie ist nicht so offensichtlich, weil dabei etwas versteckt oder maskiert wird. Man tut so, als wäre nichts geschehen, wobei in Wirklichkeit sehr viel passiert ist.
Allen drei Arten der Reaktion ist gemeinsam, dass sie aus einer Trennung entstehen. Reaktion ist eine zeitlich verschobene Aktion auf eine ihr vorangegangene Aktion. Sobald ich re-agiere, bin ich nicht mehr im Jetzt verwurzelt. Sobald ich re-agiere, heisst dies Dualität, ich bin nicht mehr eine Einheit mit meinem Partner und er hat mich in seiner Hand, denn er kann mich durch eine Handlung so manipulieren, dass ich zeitlich versetzt auf eine bestimmte Art reagieren werde. Ich bin also von ihm abhängig. Dies ist nicht Wu Wei.
Wenn mein Partner mich stösst, lasse ich ihn stossen, ohne darauf zu re-agieren. Das bedeutet nicht, dass ich starr wie ein Stein dastehe und so tue, als würde keine Energie an mich herangeführt. Ich vereinige mich mit der Energie, mische mich mit ihr, und lasse aus dieser Einheit heraus den Moment entfalten. Dies ist direkte, passive Aktion, nicht zeitverschobene, aktive Reaktion. So bleibt die Einheit bewahrt und mein Partner hat keine Kontrolle über mich. Dies ist handeln durch zulassen im Gegensatz zu überhaupt nicht handeln oder handeln durch Reaktion.
Dasselbe gilt für die 'inneren Gegner', auf die wir ständig reagieren. Normalerweise befinden wir uns in einem Zustand, in dem wir ununterbrochen innerlich vor uns hin plappern und dabei Urteile und Meinungen über andere formulieren, sei es nun mit Gedanken, Empfindungen oder Gefühlen. Dies ist an sich nicht schlecht und ganz natürlich, das Problem ist nur, dass wir uns mit diesen Gedanken, Empfindungen und Gefühlen identifizieren und deshalb ununterbrochen auf sie reagieren. Dadurch haben sie uns unter Kontrolle und können mit uns machen, was sie wollen. Wir sind die Marionetten unserer Gedanken, Empfindungen und Gefühle und merken es nicht. Wenn wir nun aber lernen, und das ist das Ziel aller grossen Meditationssysteme, die Gedanken Gedanken, die Empfindungen Empfindungen und die Gefühle Gefühle sein zu lassen, ohne auf sie zu reagieren, sind wir nicht mehr unter ihrer Kontrolle. Wie im Push Hands heisst es nicht, so zu tun, als wären sie nicht da, was genauer betrachtet schon wieder eine Reaktion wäre, nämlich die Leugnung oder Verdrängung eines Ereignisses. Genauso wenig unterdrücke ich sie, was dasselbe wäre als bei einem Stoss dagegen zu drücken. Und ich lasse sie auch nicht unkontrolliert heraus, was wäre, als würde ich mich meinem stossenden Gegner völlig hingeben, ohne meine Mitte zu bewahren, oder als würde ich ihn im Affekt voller Zorn stossen.
Diese direkte Parallele von innen und aussen ist es, was Tui Shou zu einer effektiven spirituellen Disziplin werden lässt. Ich lerne einerseits über den Körper und damit sehr konkret, was sich dann auf den Geist überträgt, da die beiden Vorgänge nicht getrennt sind. Andererseits habe ich jederzeit ein unwiderlegbares Feedback, wie sehr ich noch reagiere. Wenn mich meine Partnerin stösst, und ich falle aus dem Gleichgewicht, dann gibt es nichts darüber zu diskutieren: Es war offensichtlich, dass ich fiel.
Sobald ich gelernt habe, auf die groben, kraftvollen Stösse nicht mehr zu reagieren, muss ich mich den subtileren zuwenden. Sie sind die schwierigeren. Die Parallele im alltäglichen Leben ist leicht zu finden: Habe ich einmal einen Sinn für meine Mitte und somit ein realistisches Selbstvertrauen entwickelt, bringen mich grobe Anschuldigungen nicht mehr so schnell aus dem Gleichgewicht. Wenn mir jemand offen sagt, dass er mich für einen Dreckskerl hält, bringt mich diese Anschuldigung nicht aus der Bahn, weil ich zwar weiss, dass ein Teil von mir ein Dreckskerl ist, nicht aber, dass ich mich voll und ganz mit ihm zu identifizieren habe, weil meine eigene Beobachtung von mir auch noch andere Aspekte offenbart. Ich werde nicht gleich völlig aufgelöst losheulen, ich werde ihm auch nicht meine Faust ins Gesicht werfen, oder ich werde mich nicht zurückziehen und schmollen. Damit habe ich gelernt, mit groben Anschuldigungen umzugehen. Doch mit den subtilen Anschuldigungen und Untergrabungen gestaltet es sich schwieriger. Da die auf mich zukommende Aktion subtiler und nicht so offenkundig ist, sind es auch meine Reaktionen darauf. Diese zu aufzudecken ist letztlich das Ziel, denn sie sind viel häufiger. Tui Shou mit einem Partner, der diese subtile Art beherrscht, der meine Schwachstellen findet und sie mir zeigt, seien sie auch noch so klein, ist dazu ein hervorragender Weg.