Die Energie wird im Taiji Qi genannt. Qi wird als die innere Energie definiert, im Gegensatz etwa zu Li, der äusseren Energie.
Während äussere Energie Muskelkraft ist, ist innere Energie etwas ganz anderes. Aber was? Alle Definitionen von Qi, das auch wissenschaftlich erforscht wird, sind bis heute unvollständig. Und ich glaube, dass das auch so bleiben wird. Gibt es eine vollständige Definition von Bewusstsein? Frage einen Neuro-Wissenschaftler, und du wirst eine andere Antwort bekommen, als wenn du einen Physiker frägst, und eine andere als die des Zen-Meisters. Genauso verhält es sich mit Qi. Die Definition des Qi hängt von der Fragestellung ab, und bleibt unvollständig.
Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass Qi nicht nur eine Energie ist, sondern auch eine Art von Bewusstsein, und dass es eindeutig auch mit einer Art Intelligenz ‚ausgestattet‘ ist.
Vor allem aber, und das ist das Wichtige, ist Qi erlebbar! Wir nehmen Qi als Hitze wahr, als Kribbeln, als Fülle, aufgeschwollene Finger, Verfärbung der Handflächen; auf einer anderen Ebene als erhöhtes Bewusstsein, erhöhte Wahrnehmungsfähigkeit.
Das alles IST nicht Qi, ist jedoch ein Hinweis darauf, dass es fliesst. (Genau so wie das Licht der Glühbirne kein Strom ist, jedoch ein Indiz dafür, dass der Strom fliesst.)
Wie bringen wir das Qi ins Fliessen? Hier kommt die gute Nachricht: Wir müssen nichts tun! Erden, entspannen, fliessen lassen. Wenn wir uns mit der Erde verbinden (denke an das Becken, wie wir es im zweiten Taiji-Tipp besprochen haben!), kommt Energie von alleine ins Fliessen. Denn Energie sucht immer ein Gleichgewicht. Da die Erde gegebenermassen mehr Energie besitzt als unser kleiner bescheidener Körper, kommt die Energie von alleine ins Fliessen, wenn wir uns mit der Erde verbinden; das heisst verwurzeln.
Qi fliesst durch entspanntes Gewebe. Es ist also wichtig, jede einzelne Muskelfaser loszulassen. Wenn das geschieht, steht dem Qi nichts mehr im Wege, und es wird deinen Körper und dein ganzes Energiesystem nähren mit so viel du brauchst und empfangen kannst.
Nun können wir das Qi noch etwas ermuntern, noch mehr zu fliessen, und es in unserem Körper lenken. Das ist ganz einfach. Die Energie folgt unserem Bewusstsein. Dort, wo unser Bewusstsein hingeht, dort geht unsere Energie hin. Wenn ich mein Empfinden auf meine Hand richte, füllt sich die Hand mit Qi. Wichtig ist, das Empfinden darauf zu richten, nicht etwa mein Denken. Solange ich nur „Hand“ denke, bin ich im Kopf – und dort haben wir ja weiss Gott schon genug Energie!
Wenn du einen Stoss machst, oder irgend eine Taiji-Bewegung, bei der sich ein Arm ausdehnt (wie zum Beispiel die Eröffnung in vielen Formen), versuche doch mal die folgende Übung:
Stell dir vor, dein Arm sei hohl. Die Hand und der Unterarm sind mit Sand gefüllt, der Rest deines Körpers mit (heissem) Wasser. Der Arm dehnt sich aus, und der Sand rieselt langsam nach unten in deine Füsse. Dadurch steigt ganz von alleine das Wasser nach oben und nimmt den Patz in der Hand ein!
Durch diese Übung werden deine Bewegungen vermutlich langsamer, und du spürst, wie die rückläufige Bewegung des inneren Sandes dich noch mehr verwurzelt und in den Boden drückt. Gleichzeitig wirst du merken, wie Hitze emporsteigt.
Ich mache diese Übung auch mit Einsteigern, und ich habe noch nie jemanden getroffen, der nicht nach einigen Minuten Qi in seinen Händen spürte.
Wenn dir Wasser zu wenig feurig ist, versuche es ruhig mit einem Flammenwerfer, der Flammen durch das hohle Rohr (den Arm) in deine Hände schickt.
Wichtig ist, dass du eine klare Vorstellung hast. Denke nichts dabei! Mach nichts. Habe eine Vorstellung, das reicht. Denken tust du im Alltag genug.
Eine andere einfache und sehr effektive Übung ist die, dass du dir vorstellst, du bewegst dich, während du durch deine Taiji-Form fliesst, in einem Pool mit Konfitüre (nur der Kopf schaut noch raus!) – Pudding klappt auch ganz ausgezeichnet. Wenn du dich oder auch einen Arm bewegst, gibt es immer einen kleinen Widerstand. Spüre diesen Widerstand und bewege dich durch ihn hindurch, bleibe aber immer ganz entspannt.
Auch diese Übung ruft sehr schnell ein intensives Qi-Empfinden hervor. Sowieso ist es ratsam, beim Taiji-Üben auf die Zwischenräume zu achten, auf das, was nicht ist, statt zu sehr auf die Bewegungsabläufe. Der Schlüssel um das Qi fliessen zu lassen ist die Intention, dem Qi im eigenen Energiesystem zu begegnen.