Meister LaoDao, was unsere Leser natürlich am meisten interessiert, ist, ob es Sie denn wirklich gibt.
LaoDao: Ist das eine Frage?
Wie meinen Sie das?
L: Haben Sie mir eben eine Frage gestellt?
Jetzt eben?
L: Ja, nicht die, aber die letzte davor.
Ich weiß nicht genau, was Sie meinen.
L: Ich auch nicht.
Könnten Sie mir die Frage beantworten?
L: Welche denn nun?
Die Frage, ob es Sie gibt?
L: Oh! (Stille) Wer spricht denn da? Hahaha!
Wie meinen Sie das?
L: Unsere Konversation scheint vor allem aus Fragen zu bestehen, nicht wahr? Das war auch eine Frage. Aber nicht wirklich. Oder doch? Schon wieder eine Frage! Wissen Sie, ich glaube, Fragen zu stellen ist etwas ganz wichtiges. Es gibt auch Antworten dazu, und die soll es geben. Wozu sonst die Fragen? Das müssen Sie mir jetzt nicht beantworten. Ich will Ihnen also die Frage beantworten. Nur müssen wir dazu immer im Bewusstsein halten, dass erstens unsere Kapazität, die Wirklichkeit zu erfassen, begrenzt ist, so sehr wir auch entwickelt sind. Denn das Universum ist nicht statisch, nein, es entwickelt sich. Es lernt. Es lernt durch uns, ja. Es ist immer zumindest ein kleines Bisschen grösser als wir. Sie glauben mir nicht? Nun, Sie müssen mir nicht glauben. Ich glaube mir auch nicht. Denn zweitens interpretieren wir das, was wir nicht aussprechen können und doch sagen müssen, immer von unserem begrenzten Bewusstsein aus, so umfassend dieses auch sein mag. Und so ist das, was wir sagen, bis zu einem gewissen Grad auch immer unrichtig. Lustig, nicht? Sie lachen ja gar nicht? Warum denn nicht? Ist das nicht befreiend?
Ich verstehe nicht ganz, worauf Sie hinauswollen.
L: Von irgendwohin hinauswollen ist gar keine Rede! Die Dinge sind immer sehr einfach. So einfach, dass wir sie manchmal einfach verstehen müssen. Obwohl sie so einfach sind. Ich will also einfach einfach sein hier, und nun die Frage ein drittes Mal beantworten, ob ich existiere.
Sie haben sie schon beantwortet?
L: Noch nicht das dritte Mal. Wenn Worte ausgesprochen werden, existieren sie dann? Und wenn ja, wo genau? Es gibt Träume, die geträumt werden wollen, ohne dass das der Träumer will. Existiert der Traum im Träumer? Der Träumer im Traum?
Nun, also, ich denke…
L: Wer denkt? Woher kommt der Gedanke? Entsteht der Gedanke aus einer chemischen Reaktion in ihrem Gehirn? Oder ist die chemische Reaktion in ihrem Gehirn eine Re-aktion auf etwas ganz anderes? Oder ist dieses Ganz-Andere und die chemische Re-Aktion Ein-und-Dasselbe auf verschiedenen Ebenen? Kommt der Gedanke aus der Vergangenheit, der Zukunft, der Leere? Wohin geht er? Existiert er? Wer stellt all diese Fragen? Gibt es einen Denker?
Nun… Ich weiß nicht. Meinen Sie sich oder mich?
L: Wer weiß? Wer weiß nicht?
Ich weiß nicht mehr, was ich sagen oder fragen soll.
L: Oh, das war nicht meine Absicht. Ich habe nur versucht, die Frage zu beantworten, ob ich existiere. Wer ist ungeeigneter, diese Frage zu beantworten, als ich selbst? Entschuldigen Sie, das war schon wieder eine Frage. Stellen Sie mir eine Frage, bitte, bevor noch mehr Fragen kommen.
Also, Herr LaoDao, sie werden ja auch ›der letzte Weise vom Hintern Berg‹ genannt. Können Sie uns etwas darüber erzählen, wo dies genau liegt? In welchem Teil Chinas sind Sie zu Hause?
L: Nun, um ehrlich zu sein, dieser zweifelhafte Titel macht die Sache ja nicht unbedingt leichter, und ich muss dazu sagen, dass nicht ich ihn mir gegeben habe. Nur schon, mich als Weisen zu bezeichnen, ist ja wohl eine Narrentat der Extraklasse. Und: Stellen Sie sich vor, dass ›vom Hintern Berg‹ ja nicht eine Ortschaft angibt, sondern lediglich eine Richtung. So was, nicht wahr? Der Hintere Berg ist immer der, der auftaucht, wenn man den vorherigen erklommen hat. Ein wahrhaft mystischer Ort, sage ich Ihnen, und manchmal dauert es Monate, um daraus herauszukommen, um in der nächsten Kneipe ein Reisbier zu trinken.
Apropos Reisbier, Sie reisen viel, das war aber nicht immer so.
L: Oh, ja, sehr viel, weil ja der Ort an sich dauernd wandert. Das muss ich tun, wenn ich mir und meiner Bestimmung treu bleiben will. Doch das stört mich nicht. Im Gegenteil! Wissen Sie, früher, als für Sie und eigentlich alle ausser ein paar Eingeborenen Woodstock noch ein Fremdwort war, da war der Hintere Berg einfach der Hintere Berg, und fertig. Niemand kam auf die Idee, ihn zu erklimmen. Wenn man ihn mal sah, setzte man sich hin, und dachte, das wär's dann, ich habe meine Sache erfüllt. Heute ist das anders. Die Leute erkennen, dass es erst der Anfang ist, den Hinteren Berg zu erkennen, und setzen sich nicht mehr auf ihren eigenen Hintern. Und sie forschen weiter. Ja, deshalb reise ich viel, und ich habe Spaß daran. Ich reise ja nicht alleine. Es sind viele Leute mit mir unterwegs. Immer mehr und mehr.
Um nun auf Taiji zu sprechen kommen, praktizieren Sie selber Taiji?
L: Versuchen Sie mal, aus dem Universum auszusteigen! Haha! Es wird Ihnen nicht gelingen! Wie könnte ich jemals nicht Taiji praktizieren?
Ich muss meine Frage etwas anders stellen: Praktizieren Sie Taijiquan?
L: Sie meinen, ob meine Faust (quan chin. für Faust deut., Anm. d. Ü.) auch zum Universum gehört? Haha! Ich habe sie bis jetzt nicht aus dem Universum rausschmuggeln können! Nein, ich meine das ernst. Sie meinen, ob ich mich wie Herrn Yang oder Chen bewege, da muss ich sagen: Nein. Aber es fließt dasselbe durch meine Seele und meinen Körper und alles dazwischen, wie durch die Seele und den Körper und alles dazwischen des Herrn Yang oder Chen - und vieler anderer Seelen und Körper und alles dazwischen, wohlgemerkt. Die Kultivation des Qi, der Lebensenergie, der Lebensfreude, und jede wahre gesundheitliche, soziale, kulturelle, individuelle oder kollektive Kultivation kann nicht vom Leben getrennt geschehen. Das, was Herr Chen entwickelte, oder besser gesagt, was sich durch ihn hindurch manifestierte, war nicht von seinem Leben getrennt, nicht von seinem Wesen, seiner Seele, seiner Essenz. Taijiquan war sein Leben, war Ausdruck und Abbild seines Lebens, war sein Weg und seine Bestimmung. Deshalb hat es bei ihm auch so wunderbar geklappt! Es geht nicht darum, die Meister nachzuahmen, sondern das zu suchen und zu finden, was sie gefunden haben, und was sie zum Meister gemacht hat: ihre Essenz, ihr ureigenes Potenzial.
Das wirft einen etwas anderen Blick auf die gesamte Praxis eines Weges, sei dies nun Taijiquan oder irgendein Weg.
L: Nun, Sie dürfen das nicht zu eng sehen. Doch, Sie dürfen schon, aber ich will Sie ermuntern, Ihren Blick zu weiten: Es spricht nichts dagegen, sich mit Taiji zu befassen, solange man sich durch Taiji mit sich selbst befasst. Genau dasselbe haben ja die Ur-Meister auch getan. Aber es genügt nicht, sich bloss mit Taijiquan als Thema zu befassen. Man muss es in sich selbst finden.
Nur weil es große Musiker gibt, die wunderbare Stücke komponieren, heißt das ja nicht, dass man sich von nun an nicht mehr mit Musik befassen darf und soll. Doch es ist nicht förderlich, die Alten bloss zu imitieren.
Haben Sie eine regelmässige Praxis?
L: Ich atme. Ich gehe. Ich esse. Ich schlafe. Ich lache. Ich weine. Ich öffne mich dem Leben.
Sie weinen? Ich meine, als unsterblicher Weiser, hat man da noch solche Probleme?
L: Wer sagt denn, dass weinen ein Problem ist, mein Freund? Ist lachen ein Problem? Durchfall kann ein Problem sein, oder auch das Fehlen einer Verbindung zur eigenen Essenz. Und wer sagt hier, ich sei unsterblich?
Das heißt es von Ihnen.
L: Papperlapapp. Wie schon gesagt, unsterblich heißt, nicht aus dem Universum aussteigen zu können. Zeigen Sie es mir, wie Sie das trotzdem tun, und Sie sind der erste Sterbliche! Es hat gar keinen Sinn, irgendwelche Zeit und Energie mit solchen Worten und Konzepten zu verschwenden. Meine Worte und Taten werden vergehen. Das, was von mir weiterlebt, ist das, was in Ihnen Resonanz auslöst, aber es lebt nicht in mir weiter, oder weil es meines ist, sondern es lebt in Ihnen weiter, und weil es Ihres ist. Das so genannte Unsterbliche ist nichts Persönliches. Und darum ist der LaoDao, der hier vor Ihnen sitzt, nicht unsterblich. Vielleicht habe ich Unpersönliches realisiert, aber das tun wir alle andauernd.
Wenn ich noch einmal zurück zu Taijiquan kommen darf, Meister LaoDao, dann möchte ich Sie fragen, was Sie als grundlegend in der Praxis des Taijiquan anschauen.
L: Wieder müssen wir differenzieren. Wenn wir unter Taiji die ungehinderte Entfaltung von Yin und Yang verstehen, ist es grundlegend zu lernen, dieser Entfaltung nicht im Weg zu stehen.
In Bezug auf Taijiquan als Übungspraxis machen wir dies, indem wir entspannen. Entspannen ist das Wichtigste. Da Körper und Geist nicht getrennt sind, fördert eine Entspannung auf der körperlichen Ebene die Entspannung auf allen anderen Ebenen. Doch wir müssen uns bewusst damit auseinandersetzen, was etwa Entspannung auf der Ebene des Verstandes bedeutet. Oder Entspannung auf der emotionalen Ebene. Deshalb ist es wichtig, Taiji in allen Gebieten zu praktizieren. Ich meine damit nicht verschiedene Taiji-Formen. Ich meine damit, dass wir es in den Austausch bringen mit anderen Menschen, aber auch mit Kultur und Natur. Nur so erfassen wir alle Dimensionen. Grundlage ist also immer, sich etwas Grösserem zu öffnen. Ob sie nun ein paar kleine Übungen machen, um Energie zu tanken oder sich zu beruhigen, oder ob Sie Taiji als lebendigen Tanz von Himmel und Erde tanzen.
Alles andere ist Grundlage. Die Haltung, das Becken, die Bewegung der Wirbelsäule, alles. Und gleichzeitig ein Weg, das Bewusstsein für alle diese Dinge zu schulen.
Sind das nicht ein wenig unorthodoxe Positionen, die Sie da beziehen?
L: Oh, Sie fragen mich nur um meine Meinung. Ob ich damit gleich eine Position beziehe, sei dahingestellt. Das heißt nicht, dass ich das Gesagte relativieren oder subjektivieren will, nein. Vielleicht ist ›unorthodox‹ ein etwas schwieriges Wort, weil es sich als Gegenpol zum Orthodoxen darstellt, und das schafft von vornherein eine Basis des Widerstandes, vor allem auch, weil unorthodox nicht eine eigene Qualität besitzt, sondern nur eine Un-Qualität, eine Negierung. Und natürlich auch deshalb, weil Widerstand ein Aspekt von orthodox ist.
Wissen Sie, das Dao ist nicht daoistisch, oder konfuzianistisch, so wie Ihr Gott nicht christlich oder jüdisch ist. Das Dao wie auch Gott sind in der Lage, solche Einengungen zu umfassen. Wirklich! Was ich sage, ist also nicht, sagen wir mal, spezifisch chinesisch. Es geht hier ja nicht darum, einem Nationalismus zu frönen, sondern eine möglichst universale Wahrheit zu formulieren. Eine möglichst universale Wahrheit, die umfasst, statt auszuschliessen. Meine Kapazität dazu ist sehr begrenzt, ich bin nur ein kleiner alter Chinese, und dazu noch vom Hintern Berg. Wenn Ihnen das Ganze also ein wenig chinesisch vorkommt - es ist nicht meine Absicht. Doch die Dinge geraten durcheinander, wenn sie sich manifestieren. Dadurch entstehen ja gerade die Zehntausend Dinge. Aus jedem Satz, den ich hier sage, kann man Zehntausend weitere Sätze ableiten. Die Diskussionen nehmen also kein Ende. Es sei denn, man erfährt die universale Wahrheit in sich selbst. Das gibt für ein kleines Momentchen Ruhe. So lange, bis man versuchen muss, auf irgendeine Frage eine Antwort zu geben.
Wenn wir schon von chinesischen und nicht-chinesischen Dingen sprechen, Ihr Hut gehört ja ebenso unzertrennlich zu Ihnen wie Ihr Schnurrbart. Für uns Westler ist ein Hut mit solchen Dimensionen doch eher ein wenig ungewohnt. Wie sind die Reaktionen darauf?
Als ich letztlich von Los Angeles, wo ich an eine Tagung über postalternative Behandlungsmedizin eingeladen worden war - können Sie mir erklären, was das heissen soll, ich weiß es auch nach der Tagung noch nicht, obwohl mein Vortrag dazu gut angekommen war, scheint mir - jedenfalls, als ich nach Hause fliegen wollte, musste ich durch diese ganze Kontrollprozedur, als ob ich aussehe wie jemand, der ein Flugzeug entführen könnte, oder nicht aussehe, wie jemand, der ein Flugzeug entführen könnte, weil ja jetzt die Entführer so aussehen, als könnten sie es nicht, die haben etwas gelernt, also, da stehe ich, und der Mann sagt zu mir, was ich da auf dem Kopf habe, und ich sage, das sei mein Hut, und er sagt, das sei doch kein Hut, das sei viel eher ein Dach, wo denn das Haus dazu sei, und ob ich das Haus sei, und ob ich irgendwo eine Türe hätte, und sonst hätten Entführer doch eher Küchentücher auf dem Kopf als Hausdächer.
Wirklich?
L: Vielleicht habe ich ihn auch falsch verstanden.
Sprach er Englisch?
L: Ja.
Gab es Verständigungsschwierigkeiten?
L: Nun, ich glaube nicht, aber wenn ja, dann hätte ich das nicht verstanden, denn ich spreche kein Englisch.
Ich war etwas überrascht, dass die Herren Mediziner, die bei meinem Vortrag anwesend waren, dass von denen so viele Chinesisch zu sprechen schienen, und nach kürzester Zeit ihren Nachbarn, die kein Chinesisch zu sprechen schienen, simultan zu übersetzen begannen, jedenfalls redeten sie während meines ganzen Vortrages. Das finde ich doch eine Leistung.
Wie lange dauerte Ihr Vortrag?
L: Drei Stunden.
Ich hoffte, Sie könnten uns noch etwas über postalternative Behandlungsmedizin erzählen, und über seine Verbindung zum Taiji.
Nun, wie gesagt, ich hatte natürlich von all den Vorträgen nichts verstanden, aber ich glaube, es geht darum, dass man auf die Idee gekommen ist, man müsse einen Kranken nicht einfach nur behandeln, sondern ihm helfen, seine selbstheilenden Kräfte zu entdecken. Das war jedenfalls mein Gefühl. Nun, das machen wir, wenn wir uns nicht nur mit Taiji als einer überlieferten Kunst befassen, sondern mit dem Menschen. Eventuell durch Taiji, doch Taiji ist dann die Medizin, die sich der Mensch selber verabreicht, indem er sie von innen heraus entwickelt. Was das allerdings mit der Post zu tun hat, weiß ich nicht.
Denken Sie, es ist ein Zufall, dass Taiji ausgerechnet in China entstand?
Nein, das sicher nicht. Auch wenn Taiji etwas Universales ist, haben die Umstände in China die Entdeckung dieser Kunst natürlich erst ermöglicht. Das Wissen vom Dao, die Einheit von Körper und Geist, Handeln durch Nicht-Handeln und so weiter sind ja wesentliche Aspekte des Taiji, die in China zum geistigen, kulturellen und sozialen Grundschatz gehörten. Währenddem hat man in anderen Kulturen wie der westlichen das Augenmerk auf andere Aspekte gerichtet und andere Qualitäten kultiviert.
Obwohl ich auch sagen muss, dass zum Beispiel der physische Aspekt des Taiji auch bei Ihnen bekannt ist, wie ich auf meinen Reisen festgestellt habe. Wenn es in den Klassikern heißt, der ganze Körper bewege sich wie eine Perlenschnur, und ich dann im Westen Menschen dieses Spiel spielen sehe - wie heißt es dich gleich… (überlegt) … Tennis! - dann kann man wohl davon ausgehen, dass diese Spieler nicht die Taiji-Klassiker kennen. Und trotzdem bewegt sich, jedenfalls bei den guten Spielern, der ganze Körper wie eine Perlenschnur. Dasselbe habe ich auch in anderen Sportarten beobachtet, wie Speerwerfen oder Baseball. Hier sehen wir, dass es sich wirklich um universale Prinzipien handelt, die sich von selbst ergeben.
Die westliche Kultur bereitete aber keinen Boden, um diese körperlichen Prinzipien mit geistigen Prinzipien zu verbinden.
L: Ja, ich glaube, das ist so. Die Abspaltung des Körpers vom Göttlichen war in der Tat kaum sehr förderlich. Taijiquan befasst sich mit der Erforschung von Veränderung und Vernetzung auf und durch alle Ebenen, der beschriebene physische Effekt ist natürlich nur eine Ebene davon. Es ist jedoch auch zu sagen, dass wir in China lange keine Ahnung hatten von der chemischen Ebene, oder von all den faszinierenden Erzählungen, die uns Hirnforscher oder Neuro-Wissenschaftler unterdessen zu erzählen wissen. Nicht nur die Westler haben neue Aspekte zu integrieren, um zu einem umfassenden Verständnis zu kommen, sondern ebenso wir alten Chinesen.
Dazu ist auch noch zu sagen, dass mir westliche Sportler von ihren Bewusstseinszuständen während des Sportes berichtet haben - etwa Golfer, wie sie sich auf ihren Schlag konzentrieren. Diese Zustände sind oft exakt dieselben, die wir durch Taiji, Meditationstechniken und so weiter entwickeln. Nur haben die westlichen Sportler keinen Rahmen, kein Modell, in das sie ihre Bewusstseinszustände einordnen können. Und deshalb reden sie nicht so darüber. Aber auch die Zustände ergeben sich ganz natürlich, wenn man sich ihnen öffnet.
In ihrer nun leider schon wieder vergriffenen Publikation, LaoDaos letzte Weisheiten, (noch für kurze Zeit als eBuch hier erhältlich, Anm. d. Red.) die wir aber teilweise mit Ihrer freundlichen Genehmigung in das Buch einarbeiten durften, in dem auch dieses Interview erscheinen wird, finden wir ebenso viel Raum wie Worte. Wie wichtig ist Ihnen Raum, Stille, Leere?
L: Ich nehme an, sie meinen den geistigen Raum, die Stille. Nun, ich kann Ihnen nicht wirklich sagen, wie wichtig mir Raum und Stille sind, denn sie entstehen durch mich wie die Worte, wissen Sie. Die Leere entsteht mit der Manifestation, ja. Es ist nicht die absolute Leere, wenn wir genau sein wollen. Aber Sie wissen ja sicher, dass in einem Vakuum eines einzelnen Atoms mehr Energie gespeichert ist als in der gesamten festen Masse des Universums? 95% unseres Universums besteht aus Energie, die wir nicht wahrnehmen und nicht verstehen, hat man mir erzählt. Wir könnten diese Leere als Wuji bezeichnen, doch das ist sie nicht. Wuji hat sich nicht manifestiert, sonst wäre es ja Taiji! Diese Leere, dieser Raum, diese Energie, diese Stille, das ist also bereits eine Form von Manifestation. Wahres Wuji ist überall enthalten, sogar dort, wo diese Leere, diese Stille nicht enthalten ist. Deshalb kann ich nicht sagen, das Eine sei mir wichtiger oder ebenso wichtig wie das Andere. So ungefähr. Was war noch mal Ihre Frage?
Ähm, jedenfalls, eine Ihrer Aussagen, die wir auch in diesem Buch zitieren, ist: " Wie jede Quelle das Meer ist, so brauchst auch du dich nirgendwo hin zu beeilen". Fördert diese Aussage nicht eine Ich-bin-ok-und-du-auch-Wischiwaschi-Philosophie?
L: Das haben Sie sehr schön gesagt. Ja, ich glaube, das kann der Fall sein. Aber das kann immer der Fall sein. Denken Sie nur daran, was man mit den Worten Buddhas oder Jesu alles anstellen kann! Ganz zu schweigen also mit den Worten eines kleinen Chinesen. Es kommt immer darauf an, auf welches Bewusstsein eine Aussage trifft. Doch ich glaube, ich kann dazu einige Erläuterungen geben, die einer Wischiwaschi-Vertröstung vielleicht etwas entgegentritt. Tatsächlich ist es ja so, dass das Dao in allem ist. Oder anders gesagt, alles ist direkter Ausdruck des Geistes. Oder Manifestation des Einen. Oder wie wir das auch immer umschreiben wollen. Das heißt, dass die höchste Realisation dieser Non-Dualität also nicht einem linearen Weg folgen kann, da sie ja omnipräsent ist. Man muss nicht einen Weg gehen, wenn man bereits da ist. Diese höchste Realisation ist nichts anderes als das Wegfallen des Schleiers, den wir uns selbst gewoben haben. Er existiert, aber nicht etwa im Außen, sondern in uns, er ist ein Produkt von uns. Wir haben uns diesen Schleier der Trennung gewoben, um uns eine Identität aufzubauen, uns selbst und unser Umfeld zu organisieren. Wir sind als Spezies noch nicht bereit, die Vielschichtigkeit des Kosmos ungefiltert zu empfangen und verarbeiten zu können. Das wäre etwa so, als würden Sie einer Kaulquappe Infinitesimalrechnungen beibringen wollen. Da kann man Ihnen nur Geduld wünschen.
Nun geht es nicht darum, diese Identität wieder abzulegen, sondern den Schleier! Dieses ganze Gerede, man solle sein Ego fallen lassen, ist doch eher verhängnisvoll. Wenn Sie schon einmal jemandem begegnet sind, der wirklich Identitätsprobleme hat, werden Sie mir das bestätigen. Wir müssen also einerseits nichts erreichen, was tatsächlich kein Weg ist, andererseits etwas ablegen. Und dieses Ablegen folgt gewissen Gesetzmäßigkeiten, einer gewissen Linearität, also einem Weg: Wir weben den Schleier, wir lernen durch den Schleier, finden Identität, realisieren, dass da noch mehr ist, und entweben den Schleier wieder, ohne das Erreichte zu zerstören, sondern wir integrieren unsere individuelle Identität in eine universale Identität. Das Ego als selbstorganisierende Funktion bleibt weiterhin bestehen. Wenn Sie den Schleier entweben, wissen Sie weiterhin, wie Sie, Ihre Frau und Ihre Kinder heissen, dass Sie Steuern zahlen und Lehrer sind. Sie mögen noch immer Birnen lieber als Äpfel, und werden immer noch ärgerlich, traurig und so weiter. Ihre Persönlichkeit mit all ihren Sonnen- und Schattenseiten bleibt bestehen, doch Sie als Ganzes erfahren eine neue Qualität, das Erleben, ganz im Kosmos eingebettet und Teil der sich unaufhörlich entfaltenden Vielschichtigkeit des Universums zu sein. Ihr Leben wird nicht weniger intensiv, nicht weniger leidenschaftlich, Sie übernehmen nicht weniger Verantwortung, ganz im Gegenteil, Sie übernehmen die volle Verantwortung, und doch tritt etwas Unpersönliches, Höheres in der Weise in Ihr Leben, als dass es durch Sie wirkt. Sie werden zum Gefäss, zum Zeugen. Sie werden lebendiger Ausdruck nicht nur Ihrer eigenen Definition, sondern des Einen Geistes.
Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
L: Ich habe Hunger.