Der folgende Text war ein erster Entwurf für die Einleitung zu «Das Spektrum des Taiji».
Der Text ist ungeschliffen, ungehobelt, roh und unbearbeitet – und darum vielleicht reizvoll!
Taiji entfaltet sich von innen nach außen. Dass sich die Bewegungen des Taiji von innen nach außen entfalten, ist für viele nachvollziehbar. Dass das mit dem Lernprozess an sich auch so sein soll, ist für viele ein Rätsel. Zu sehr wurden wir durch ein Bildungssystem geschleust, das Lernen mit dem Erwerb von Wissen oder einem Handwerk verbindet.
Es zeigt sich jedoch, dass sich nicht nur natürliche Bewegung von innen nach außen entfaltet. Der Mensch entfaltet sich aus sich selbst heraus. Und auch die Menschheit entfaltet sich aus sich selbst heraus. Spiralförmig entwickeln wir uns als Individuen und als Kollektiv auf immer höhere Ebenen. Wenn wir Lernen lediglich als einen Erwerb definieren, könnte gar keine Entfaltung stattfinden. Es sei denn natürlich, man würde die Entwicklung vom Einzeller hin zum Komponisten, Wissenschafter, Philosophen oder Taiji-Meister als blossen Zufall abtun, etwa so, als würde aus vielen Sandkörnern zufällig eine Kathedrale von Chartre entstehen. Ich bewundere die Reduktionisten, die es schaffen, solche Zufälle plausibel darzustellen. Es braucht viel Fantasie und eine unglaubliche Wortgewandtheit.
Doch sogar eine (scheinbar) zufällige Entwicklung ist eine Entwicklung. Die erreichte, höhere Entwicklungsstufe musste vorher schon als Potenzial vorhanden sein, sonst hätte sie sich nicht manifestieren können. Wenn ich auf einer Wiese eine Sonnenblume vorfinde, musste sie doch vor meiner Entdeckung, zumindest als Potenzial, als Möglichkeit, schon existiert haben. Vielleicht sogar als Sonnenblume?1
Der Physiker Erich Harth schreibt in Dawn of a New Millenium: Beyond Evolution and Culture:
"Wir können annehmen, dass schon im Gehirn des prähistorischen Menschen latente Fähigkeiten wie die Bilder eines noch unentwickelten Filmes vorhanden waren, die Funktionen ermöglichten, die erst viele tausend Jahre später ihren Ausdruck fanden. Welches seltsame Prinzip der Evolution hat diese Fähigkeiten dort platziert"?
Und welches Potenzial liegt noch in uns, und wartet darauf, dass wir es aktivieren?
Das Aktivieren von Potenzial ist das effektivste Lernen. Deshalb entfaltet sich im Taiji nicht nur die Bewegung aus dem Zentrum nach außen, sondern ebenso der Lernprozess. Und deshalb beschäftigen wir uns nicht mit einer exotischen Kunst, sondern mit uns selbst. Wenn wir Taiji wirklich lernen, erlernen wir keine chinesische Kunst, sondern aktivieren unser Potenzial. Taiji ist dazu wunderbar geeignet, denn es bezieht Körper, Energie und Geist ein, Meditation (Innenschau) und Interaktion (nach Außen wirken), Himmel und Erde, und immer den Menschen als Ganzes. Ja, wir befassen uns im Taiji nicht mit Choreografie, sondern mit dem Menschen, mit dem, was in uns schlummert, und mit dem, was zur Entfaltung drängt.
Die Fülle des Lebens offenbart sich in der Zurücknahme. Taiji hilft uns, uns zurückzunehmen. Das geschieht auf vielfältige Weise. Wenn wir unter zurücknehmen verstehen, dass wir wieder zu uns zurückkommen, können wir verstehen, wie Taiji dabei hilft: Unaufhörlich verlieren wir uns in der Aussenwelt. Unsere Energie wird nach außen gebracht. Denn unsere Energie folgt unserer Wahrnehmung. Wenn wir, durch andauernde Reizung, immer das Außen wahrnehmen, verlagern wir unsere Energie nach außen. Indem wir mit Taiji lernen, wieder unser Innen wahrzunehmen, kehrt unsere Energie in den Körper zurück. Indem wir uns zentrieren, bringen wir unsere Wahrnehmung, unsere Intention, unsere Energie zurück dahin, wo sie hingehört. Wir verlieren uns dann nicht mehr im Tagesablauf, nicht mehr in anderen Menschen, in verlockenden Angeboten der Werbung. Das macht uns aber nicht zu Einsiedlern, im Gegenteil. Genau genommen sind diejenigen die Einsiedler, die ihre Mitte und damit sich verloren haben. Nein, wenn wir in der Mitte sind, ist dies, als ob wir zu Hause wären, wenn jemand zu Besuch kommt. In unserer Mitte und aus unserer Mitte können wir die Welt empfangen. Zentrieren heißt, sich dem Leben zu öffnen, das Leben zu empfangen.
Wenn wir unter zurücknehmen verstehen, dass wir den Ballast abwerfen, den wir nicht brauchen, verstehen wir eine weitere Wirkweise des Taiji. Die Grundlage des Taiji ist die Entspannung. Entspannung heißt, den überflüssigen Ballast dem Universum zurückzugeben. Anspannung und Verspannung sind meist Vergangenheit, die wir um jeden Preis präsent halten, und zwar so, wie sie damals geschah. Anspannung ist eine ungelernte Lektion, ein eingefrorenes Erlebnis, oder ein einengendes Verhaltensmuster. Die Entspannung des Taiji, unterstützt durch einen vermehrten Energiefluss und das Zentrieren, ermöglicht uns, diese Lektionen zu lernen, diese Erlebnisse aufzutauen, die Muster zu lösen und uns stärker in den grossen Fluss des Lebens einzugliedern. Der stärkere Energiefluss, der durch Taiji entsteht, hilft uns einerseits, die Verspannungen zu lösen, so wie ein Bach, der mehr Wasser führt, das Geröll beiseite schiebt. Andererseits hilft uns die Energie, die in Verspannungen gespeicherte psychische Energie zu umfassen, zu halten wie in einem Container, statt davon in ein Drama geworfen zu werden.
Dadurch, dass wir neue Bewegungen, und vor allem, wenn es der Unterrichtende zu vermitteln versteht, eine ganz neue Art der Bewegung erlernen, befreien wir uns von eingeengten Bewegungsmustern, die wir uns im Laufe der Jahre und Jahrzehnte angewöhnt haben.2 Die tief greifenden Veränderungen, die Taiji-Praktizierende durchmachen, haben unter anderem damit zu tun, dass dieses Loslassen, Zurücknehmen und Integrieren geschieht, neben der Kräftigung des gesamten Energiesystems.
Diese Wirkungen sind aber nicht auf das Individuum beschränkt. Kampfkunst, und Taiji ist eine Kampfkunst, ist die Kunst der Begegnung. Nicht nur auf einer körperlichen Ebene, sondern ebenso auf der energetischen, der verbalen, der psychischen, der intentionalen Ebene. Taiji kann uns lehren, wie wir miteinander in Kontakt treten, ein Kontakt, der authentisch und konstruktiv ist, und daher auch Grundlage für jede tief greifende Veränderung sowohl des Individuums als auch für partnerschaftliche Beziehungen, Geschäftsbeziehungen, therapeutische Beziehungen, Gemeinschaften, Gesellschaften, ja, für die Bevölkerung der Welt. Wie viele politische Beziehungen sind authentisch und konstruktiv? Ich sage nicht, es gibt sie nicht, doch die täglichen Ereignisse sagen uns auch, dass wir daran noch etwas arbeiten könnten. Und - in Friedenszeiten ist das eine Sache, in Zeiten des Konfliktes eine ganz andere. Taiji befasst sich, so friedvoll, meditativ und gesundheitsfördernd es auch ist, genau mit diesem Punkt: mit authentischem, konstruktivem Kontakt in potenziellen Konfliktsituationen. Sei dies im Außen, sei dies im Innen.3
Die Vielschichtigkeit des Taiji ist sowohl sein Potenzial als auch ein Problem. Ein Problem für diejenigen Geister, die gerne eine ganz klare Ordnung haben. Ist Taiji nun ein Gesundheitssystem oder eine Bewegungskunst? Ist Taiji Meditation in Bewegung oder Kampfkunst? Das Problem ist jedoch ganz einfach zu lösen, denn solche Fragen sind falsch. Es ist, als würde man fragen: Ist Taiji Yin oder Yang? Taiji ist sowohl als auch, nicht entweder oder, und darüber hinaus noch das, was aus der Beziehung all dessen entsteht. Taiji ist also sowohl Gesundheitssystem als auch Bewegungskunst, sowohl Meditation als auch Kampfkunst, und es ist all das, was aus der Vereinigung scheinbarer Gegensätze entsteht, so wie eine wunderschöne Melodie das ist, was aus der Beziehung der Einzeltöne entsteht, oder ein einzigartiges Bild mehr ist als Farben und Formen - viel, viel mehr als die Summe seiner der Teile. Eine Art von Definition, die sich auf die physische Ebene und Bewegungsabläufe, oder auch nur auf den Ganzkörper-Qigong-Effekt beschränkt, wird dem Taiji etwa so gerecht, wie die Definition, Musik sei organisierter Klang, der Musik gerecht wird - oder eben nicht. Die Überbetonung des Äußeren ist bei einer internen Kunst wie Taiji doch recht seltsam. Sie findet sich nicht nur im Unterricht, auch in den Reglementen von Wettkämpfen (ein Gegenvorschlag siehe im Anhang) und den Richtlinien von Vereinen.
Wenn der Mensch den Menschen vergisst, befasst er sich mit den Dingen. Wenn das Wesen verloren geht, entstehen Rituale, Dogmen, Formen. Doch das Wesen kann nicht ritualisiert, formalisiert und konserviert werden. Das Wesen ist immer authentisch, einzigartig, sich wandelnd. Eine innere Kunst wie Taiji wird heute entweder auf das Außen reduziert, oder von außen nach innen gelehrt. In einem Interview sagte Wang Xiangzhai, der Begründer des Yiquan, über Taiji folgendes: "Die Yang-Brüder Shaoshou und Chengfu sind beide alte Freunde von mir. Ich weiss deshalb, dass dieses Boxen wirklich einiges Wissen über Mechanik birgt, aber aus hundert Personen realisiert auch nicht einer seine Essenz, und sogar wenn einer die Essenz realisiert, ist sein Können immer noch einseitig, weil das grundlegende Werkzeug der intuitiven Wahrnehmung schon vor langer Zeit verloren gegangen ist".4
Wang Xiangzhai war ein angesehener Kampfkünstler, und behauptete von sich, obwohl seine eigenen Wurzeln im Xingyiquan liegen, Taijiquan zu verstehen.5 Wenn wir also seine Aussage nicht einfach von uns weisen, obwohl wir nicht vollkommen damit einverstanden sein müssen, gibt uns das ein interessantes Bild der Taiji-Szene in China vor der kulturellen Revolution. Die Meister, die wenig später aus China fliehen mussten, und ihr Taiji in der Welt zu verbreiten begannen, hatten also vielleicht nicht das absolute Verständnis ihrer Kunst. Was ihnen nach der Aussage von Wang Xiangzhai abhanden gekommen war, war die intuitive Wahrnehmung dessen, was sich von innen nach außen ganz natürlich entwickelt.6 Das könnte erklären, weshalb in späteren Zeiten die Formen ein so grosses Gewicht bekamen, und vor allem auch sehr lange Formen. Schon Cheng Man Ching sagte später über die lange Yang-Form, sie sei so lange, um die Reisschüssel zu füllen - das heißt, damit der Lehrer seine Brötchen verdienen kann. Auch damit muss man nicht unbedingt einverstanden sein, doch auch hier bergen sich wichtige Aspekte für uns.
Einerseits geht diese Rechnung heute oft nicht mehr auf. Immer wieder höre ich Taiji-Lehrer klagen, dass die Studenten ihnen nach einigen Wochen oder Monaten davonlaufen. Wer will heute noch drei Jahre lang einen Bewegungsablauf lernen? Lange Formen können also heute eher dazu beitragen, dass die Reisschüssel des Taiji-Lehrers leer bleibt. Dies kann man als Schicksal oder als Chance zur Veränderung sehen, einer evolutionären Veränderung. Warum sollte sich Taiji nicht entwickeln, da es doch vorgibt, sich mit Veränderung und Wandel zu befassen? Soll es unverrückbar wie ein Fels im grossen Fluss des Universums stehen? Andererseits haben natürlich lange Formen eine vielfältigere und tiefere Wirkung auf das gesamte Energiesystem als kurze Formen. Doch eben nur dann, wenn man nicht mehr damit beschäftigt ist, ›eine Form zu machen‹.7
Form um Form zu lernen ist, als würde man Kochbücher sammeln. Wenn ein Kochbuch ansprechend gestaltet ist, hat man vielleicht eine gewisse Zeit Freude daran, es zu betrachten (und man kann sich vielleicht sogar damit brüsten). Doch solange man nicht auf die zündende Idee kommt, die Gerichte, die darin beschrieben sind, zuzubereiten und zu essen, wird man schon bald ein weiteres Kochbuch benötigen, um die oberflächliche Faszination beibehalten zu können - oder man tut sich ein anderes Hobby zu.
Wenn man die beschriebenen Gerichte jedoch zubereitet, wird man die wahre Qualität des Kochbuches schätzen lernen. Und mit der Zeit wird das Kochbuch nicht mehr gebraucht werden, weil die Rezepte auswendig zubereitet werden können. In einem weiteren Schritt beginnt der Kochende vielleicht sogar, die Gerichte abzuwandeln, ihnen eine eigene Note zu geben! Hier beginnt der kreative Prozess, das Experimentieren, Verwerfen, Verfeinern. Auf diese Weise sind auch die beschriebenen Gerichte im Kochbuch entstanden. Nun haben wir gelernt, was ein gutes Gericht ausmacht, wie die Meister-Köche kochen, und lassen uns nicht etwa davon einschüchtern, sondern lassen uns davon inspirieren.
Taiji muss ein kreativer, spontaner Prozess sein, wenn es in der Welt angewandt werden soll. Kreative Spontaneität ist ein wesentlicher Charakterzug des Taiji, genauso wie jeder Kampf- und Lebens- und überhaupt jeder wahren Kunst.8 Wenn ein Anfänger eine Form betrachtet, und man erklärt ihm, wie man hier ablenkt, jetzt dort schlägt, eine Schritt nach rechts tut, um den anderen Gegner auch noch zu Fall zu bringen, sagt der sofort: "Aber das wird ja in Wirklichkeit nie so sein"! Ja, das stimmt. Es ist auch nicht die Meinung, dass ich, die Form durchmachend, mich mit acht wirklichen Gegnern befasse. Im echten Leben würde eine Abfolge von Bewegungen natürlich spontan entstehen, und keiner Form entsprechen. Doch man muss noch weiter gehen. Ein japanischer General hat einmal versucht, die Techniken des Aikido zu klassifizieren, und ist dabei auf über zehntausend gekommen. Doch der Punkt ist, diese ›Techniken‹ entstehen spontan und kreativ, wenn man sich selbst nicht im Weg steht. Jede Interaktion ist zutiefst kreativ, und wenn sie das nicht ist, ist sie nicht authentisch. Prinzipien sind jedoch kein Schema, keine Schablone. Ein Prinzip sagt nicht: Das muss so sein! Es sagt: Das funktioniert! Also spiel damit! Werde kreativ!
Wenn ich angegriffen werde, dann habe ich keine Zeit, um mir eine Technik auszusuchen, mit der ich am effektivsten mit dem Angriff umgehe. Die Aktion entsteht kreativ und spontan. Diese spontane Kreativität auf allen Ebenen ist die Quelle des Taiji - und jeder Kunst.9
Große Kunst inspiriert uns, hebt uns empor, öffnet uns neue Horizonte, berührt unser Wesen. Sei das ein grossartiges Buch oder eine vollendete Taiji-Interaktion. Beide atmen dieselbe transzendente Schönheit. Und diese Schönheit, die aus der Zurücknahme der Persönlichkeit zu Gunsten der Einen Quelle entsteht, ist auch das, was viele Leute so tief berührt, wenn sie Zeuge der Entfaltung des Taiji werden, als Praktizierende oder als Zuschauer.
Gerade diese Zurücknahme ist es ja auch, das jedes kreative Entstehen zu einem faszinierenden Prozess macht. Zurücknahme und Entfaltung sind nicht etwa zwei getrennte Prozesse. Wir nehmen uns nicht vorsätzlich zurück, um etwas zur Entfaltung zu bringen. Nein, die zwei scheinbaren Gegensätze sind ein und dasselbe!
Wenn eine wahrhaft stille Musik schliesslich ganz verklingt, hinterlässt sie mehr als nur keinen Klang mehr. Während des Erklingens der Musik atmete sie die Stille, machte sie hörbar, gab ihr ein Gewand, war ihr leuchtender Ausdruck. Im Ausklingen beginnt die Stille, die Musik zu atmen, wird ihr vollendeter Ausdruck, gibt der unhörbaren Musik ihren Raum, damit sie auf ewig weiter klingen kann.
So wie Stille und Musik nicht getrennt sind, sondern nur in ihrer Manifestation oder dem Grad an Manifestation verschieden, so verhalten sich auch Stille und Bewegung, Konflikt und Harmonie. Und der kreative Prozess, der alles umfasst, geschieht, geschieht nicht durch Zurücknahme, denn Zurücknahme ist Teil des Prozesses, sondern geschieht, indem wir uns selbst finden - was sich darin ausdrückt, dass wir uns zurücknehmen und gleichzeitig über uns selbst hinauswachsen.
Das ist ein leidenschaftlicher Prozess, eine stille Ekstase, voller glühender Feuer und unsäglich tiefen Dimensionen, in denen sich das große Licht spiegelt und zu tanzen beginnt. Und diese Ekstase ist, was wir schlussendlich Lernen nennen. Wer würde da noch davon sprechen wollen, dass Hingabe eine schwierige Sache ist und viel Disziplin verlangt? Wer will nicht Leidenschaft, Ekstase, und die tiefe Ruhe des Meeres, die Freiheit des Windes, der ungehindert darüber weht? Warum an der Oberfläche bleiben? Gehen wir in die Tiefe. Diese Freiheit, diese Ekstase, diese Tiefe ist in uns. Wir müssen sie nur aktivieren.
Anmerkungen
1 Dieses Potenzial, dieses Gefäss, in das sich die Manifestation ergiesst, finden wir auch im Verhältnis von Körper und Geist (spirit). Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper, hieß es bei den Griechen. (Wobei damit derjenige Geist gemeint ist, den wir auch Verstand nennen, und im Englischen mind genannt wird, was viel mehr umfasst als bloss den Verstand). Der andere Weg ist ebenso richtig: Ein gesunder Körper in einem gesunden Geist (sowohl spirit als auch mind).
2 Auch Schock und Trauma führen zum Beispiel zu eingeengten Bewegungsmustern. Während eines Traumas wird normalerweise eine Bewegung nicht ganz ausgeführt, und die Grenze, an der die Bewegung stoppte, ist die Grenze für alle weiteren (physischen, psychischen und seelischen) Bewegungen. Die Lösung eines Traumas liegt darin, die verhinderte Bewegung zu vollenden. Dies geschieht auch im Taiji.
3 Mein persönlicher Standpunkt geht noch einen Schritt weiter, doch mag es mein persönlicher sein: Die Kunst der Begegnung bedeutet, in Kontakt zu sein. Nun kann ich bei einem Angriff den Bruchteil einer Sekunde in Kontakt sein, und der Gegner fliegt von dannen. Mein persönlicher Standpunkt ist nun: Jeder "Angriff" eines Gegners enthält unzählige Informationen (denn Energie ist immer mit Information versehen, ich muss sie nur lesen) über ihn, die ich gebrauchen kann. Nicht zu meinem Vorteil, sondern um das evolutionäre Potenzial einer potenziellen Konfliktsituation freizusetzen. Meine Absicht ist es also, mit meinem "Gegner" in Kontakt zu bleiben, nah bei ihm zu sein, um ihn einerseits vor weiteren Dummheiten (der Idee, mich oder andere anzugreifen) zu bewahren, andererseits, um ihn zu verstehen, und schließlich, um ihm die Gelegenheit zu geben, mich zu verstehen. Ich behalte ihn also, während er mir Böses will, in meinem schützenden Feld, umhülle uns mit dem schützenden Geist, so lange, bis wir Freunde werden. Nun ja, vielleicht nicht gerade Freunde, aber bis wir eine Tiefe der Beziehung erreichen, auf der ein weiterer Angriff nicht mehr nötig ist.
Natürlich kann das nicht immer der Fall sein. Es ist eine Möglichkeit von vielen. manchmal muss man sich auch jemanden vom Leib halten, manchmal ist eine Auseinandersetzung nicht angebracht, sondern absoluter Rückzug, und manchmal müssen Fronten aufeinander schlagen, um frei zu brechen. Trotzdem, meine Maxime lautet: Ich bleibe in nahem Kontakt, bis ich verstehe, oder der andere sich von sich aus entfernt.
4 Aus dem Chinesischen ins Englische übersetzt von Timo Heikkilä und Li Jiong. Die beiden geben leider nicht an, wann das Interview zum ersten Mal erschien.
5 Verfechter des Chen-Stils als einziges, wahres Taiji werden darin natürlich eine Bestätigung sehen, dass der Chen-Stil das einzige, wahre Taiji ist, und sich Wang Xiangzhai hier auf den Yang-Stil bezieht. Das kommt aber weder in dieser Aussage noch im Kontext des Interviews so heraus. Wang Xiangzhai bezieht sich auf Taiji im Allgemeinen, nicht auf einen bestimmten Stil. Er selbst sagt zu diesem Thema im Interview: "Wenn alle von den Erfahrungen anderer lernen würden, könnte der Disput zwischen verschiedenen Schulen [Stilen und Kampfkünsten, Anm. M.S.] vermieden werden, und unverantwortliche Gespräche würden aufhören". (Übersetzung aus dem Englischen M.S.)
6 Diese Fussnote ist leider verloren gegangen...
7 Natürlich will ich nicht einem naiven Individualismus frönen. Es geht nicht darum, Traditionen zu verneinen, sondern darum, sie zu umfassen, mit dem eigenen Wesen in Verbindung zu bringen, sie zu verwesentlichen und sich selbst darin zu finden, um somit über die Tradition hinauszuwachsen, ohne sie zu verlieren. Das ist der evolutionäre Prozess, der alles einbindet, auch Taiji.
Formen sind Gefässe, die wichtige Lehren über die internen Zusammenhänge des Taiji enthalten. Es kann sein, dass diese internen Lehren durch die Formenvielfalt verwässert wurden, doch sie sind vorhanden, und Formen können als Lehrstück genutzt werden.
8 Medizinisches Qigong wird gezielt eingesetzt, um viele Krankheiten erfolgreich heilen und noch mehr vorbeugen zu können. Ich bin jedoch der Meinung, dass Gesundheit sich nicht nur auf die körperliche Verfassung bezieht, und auch nicht nur auf Körper und Geist, sondern auf Körper, Mensch und Geist.
Kampfkunst heißt die Kunst, miteinander in Beziehung zu treten und liebevoll miteinander umzugehen. Es ist die Kunst, Harmonie zu schaffen (und nicht etwa die Kunst zu kämpfen, das ist nur ein weit verbreiteter Irrtum). Kampfkunst gleicht Energien im Außen aus, so wie Qigong Energien im Inneren ausgleicht.
Wenn wir uns vorstellen, dass eine Krankheit nicht 'plötzlich Auftritt', man von ihr 'heimgesucht wird', sondern dass sie in subtilen Bereichen des Geistes und der Psyche startet und sich dann allmählich so sehr verdichtet, bis ein körperliches Symptom daraus wird (was übrigens nicht meine Idee ist, sondern eine weit verbreitete Erfahrung), dann ist auch klar, wo viele Krankheiten ihren Ursprung haben: aus dem Konflikt mit den Mitmenschen. Wir sind Wesen, die sich in und durch Beziehungen entwickeln, und viele Krankheiten entstehen aus gestörten Beziehungs- und Interaktionsmustern.
Deshalb heißt Heilung nicht nur die Beseitigung der körperlichen Manifestation der Krankheit, sondern auch die Lösung krankmachender Beziehungsmuster. Und genau damit befasst sich die innere Kampfkunst! Kampfkunst befasst sich also mit dem Kern der Heilung.
9 Kunst kommt von Können, heißt es. Doch man wird mir zweifelsohne zustimmen, dass die Beherrschung des Handwerks zwar Grundlage für das Schaffen von Kunst ist, doch eben Grundlage, nicht die ganze Kunst. Ich kenne jedenfalls viele, die ein Handwerk absolut sattelfest beherrschen, die aber keine Kunst hervorbringen - und sich auch nicht für Künstler halten.
Arnold Schönberg, der Erfinder der Zwölftonmusik, sagte: "Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen". Er hatte einen inneren Drang, ja eine Aufgabe in der Welt, die er zu vollbringen hatte, und deshalb musste er tun, was er tat. Auch hier birgt sich, auf das Ganze bezogen, eine Wahrheit. Ein Künstler, sei das ein Maler, ein Poet oder ein Kampfkünstler, der nicht kreativ sein kann, verkümmert. Denn sein Wesen findet keinen Ausdruck.
Kunst kommt von künstlich, und gekünstelt, sagen andere. Bei schlechter Kunst ist das sicher der Fall, wie auch bei einer hohlen Taiji-Form. Doch wahre Kunst ist zutiefst authentisch, und daher auch, so revolutionär sie erscheinen mag, eher evolutionär - und so natürlich wie der Bambus im Wind.
Ob Kunst eine Aufgabe hat, ist vermutlich ganz einfach eine falsche Frage. Kunst entstand nicht, um etwas zu bewirken. Wo immer der Mensch ist, wächst er über sich selbst hinaus, und drückt sein Berührtwerden des Innersten so aus, dass andere auch inspiriert werden, sie erhebt. Und das ist das Wesen der Kunst. Auch Taiji wurde nicht ›entwickelt‹, um schöne Bewegungen zu machen, sondern sind der Ausdruck eines inneren Erfahrungsschatzes. Also geht es beim Erlernen darum, diesen Erfahrungsschatz aufzubauen und zu aktivieren, und Taiji wird aus sich selbst heraus sprudeln.