Seit der Missdeutung des Sündenfalls im Garten Eden wurde der Körper in der Welt der christlichen Kirche als sündhaft und eigentliches Laster betrachtet, das uns vom Heil des Himmels trennte. Nachdem wir nun allmählich diese Betrachtung als fehlerhaft entlarvt haben, gilt es ein enormes Manko an Wissen und Weisheit in Zusammenhang mit der Einheit von Körper und Geist aufzuholen. Was eignet sich da besser, als über des Nachbars Zaun zu schauen, um zu sehen, welche Erfahrungen und Erkenntnisse andere Kulturen in den Jahrtausenden, in denen sie nicht von denselben dualistischen und einengenden Wahrnehmungsmustern geprägt waren, aus ihrer Beschäftigung mit Körper und Geist gewonnen hatten.
Wiederum: Wir können diese Erkenntnisse nicht einfach übernehmen, sondern wir müssen uns mit ihnen auseinandersetzen, und zwar von der Basis ausgehend, die wir besitzen. In der Verinnerlichung der Prinzipien der Inneren Kampfkünste lernen wir auf eine auf dem Körper basierende Weise, was Interaktion im Einklang mit dem Universum wirklich bedeutet.
Dass das Gehirn sich nicht nur auf die schwammige Masse im Inneren unseres Schädels beschränkt, sondern sich über den ganzen Körper erstreckt, ist unterdessen wissenschaftlich fundiert. Ebenso stellt die Psyche nicht etwa ein unlokalisierbares, diffuses Irgendetwas dar, über das man nur reden kann, sondern sie ist in erster Linie körperlich. Sie alle kennen das Herzklopfen, wenn Sie aufgeregt sind, oder die Schweissausbrüche. Jeder einzelne psychische Zustand hat ein Empfinden im Körper. Psychische Erfahrungen und Erinnerungen werden in erster Linie in den Zellen des Bindegewebes gespeichert, also im ganzen Körper. Unsere Biografie ist unsere Biologie, sagt man dazu treffend. Körperarbeit, von körperorientierter Psychotherapie über Feldenkrais, Yoga, Qigong bis zum Taiji heisst also immer Arbeit mit der Ganzheit.
Bewegung stellt das grundlegende Prinzip von Gesundheit und Glück dar. Alles was lebt, verändert sich. Leben ist Bewegung. Der Mensch ist ein komplexes dynamisches System der immerwährenden Veränderung und der unaufhörlichen Resonanz und Interferenz. Betrachten wir nur einmal den menschlichen Körper, die dichteste Form des Menschseins, wenn wir so wollen.
Schon von aussen her betrachtet fällt uns die Bewegung des Brustkorbes auf. Es ist die Bewegung des Atems, der uns durch das ganze Leben begleitet. Etwas weniger offensichtlich, jedoch genau so konkret lassen sich die Bewegungen des Blutkreislaufes feststellen, des Lymphsystems, des Nervensystems, des endokrinen Systems und des cranialen Systems.
Hier kommen wir schon in subtilere Bereiche des Menschseins, wobei subtil nicht weniger konkret heisst. Alle Organe sind dadurch miteinander verbunden und stehen in einer beständigen Wechselwirkung. Geleitet und verteilt wird die Energie durch verschiedenste Faktoren, von denen Bewegung und Ernährung nur zwei Faktoren darstellen. Auch unsere Gedanken und Emotionen, unsere Gefühle und unser Glauben beeinflussen diese Ebenen, oder besser, sind mit ihr durchwoben. Wenn wir unsere Gedanken betrachten, das heisst einen Schritt zurücktreten, uns nicht mit ihnen identifizieren und einfach zuschauen, wie sie sich wandeln, merken wir, dass auch sie in einer immerwährenden Dynamik begriffen sind, wobei ungesunde Gedanken sich kreisförmig wiederholen ohne sich wirklich zu verändern, während gesunde Gedanken vorbeiziehen, sich verändern und auflösen wie vorbeiziehende Wolken.
Genauso verhält es sich mit unseren Emotionen und Gefühlen. Sie wandeln sich unablässig, wie ein Bach, der fliesst, mal schneller, mal langsamer, mal ruhig, mal wild und voller Strudel. Auch hier zeigen sich Emotionen und Gefühle, die sich auf das Gesamtsystem hinderlich auswirken, als erstarrte Wiederkehr des Immergleichen.
Jede Gedankenform, jede Emotion besitzt eine eigene Qualität, eine Frequenz (Schwingung) und eine Konsistenz (Dichte). So sind Emotionen dichter als Gefühle einem anderen Menschen gegenüber, weil die Emotion dichter an die eigene körperliche Realität gebunden ist.
Wem das zu abstrakt erscheint, stelle sich einmal einen wütenden Menschen vor. Wir alle haben schon wütende Menschen getroffen und haben Wut in uns selbst erfahren. Jede Emotion hat seine eigene Physiologie, sein Bewegungsmuster, das klar wahrgenommen wird. Das Herz eines wütenden Menschen schlägt schneller, sein Kopf wird rot, die Muskeln des Oberkörpers, des Halses und des Kiefers spannen sich an, die Stimme wird laut und - je nach Charakter des Menschen - donnernd oder schrill und hysterisch, und so weiter.
Oder stellen sie sich einen Menschen vor, der weint, oder einen, der lacht. Jede Emotion hat ihre offensichtlichen körperlichen Erscheinungen.
Direkte Auswirkungen von Gefühlen sind von aussen schon schwieriger zu sehen. Aber es ist trotzdem nicht schwer. Sind sie schon einmal neben einem frisch verliebten Paar gestanden? Ein wunderbares Gefühl, nicht wahr? Und wir alle wissen, wie sich unser Körper anfühlt, wenn wir selbst frisch verliebt sind! Doch es wird klar, dass Gefühle eine feinere Qualität besitzen als Emotionen. Wir könnten die Emotionen zum Beispiel mit Wolle vergleichen, die Gefühle mit Seide.
Körpersprache, ob offensichtlich oder subtil, gehört zu unserem Alltag, und wir sind alle Experten, sie zu verstehen. Der Körper, Emotionen, Gefühle und Gedanken sind niemals getrennt. Wenn nun die (scheinbare) Notwendigkeit entsteht, die Körperlichkeit der Emotion zu leugnen, - zum Beispiel wenn ein Kind nicht weinen darf ("Nimm dich zusammen!") oder keinen Ärger zeigen darf ("Nicht in unserer Familie, junger Mann!") - wird ein wesentlicher Teil des Menschseins unterdrückt. Wir alle mussten das tun, um überleben zu können. Wir mussten unsere natürlichen Bewegungen, den natürlichen Fluss der Energie, unterdrücken und stoppen. Taiji ist ein Weg, unsere ursprüngliche Beweglichkeit körperlich und geistig wieder zu erlangen. Und der Weg ist zwar wunderbar und unberechenbar, aber nicht geheimnisvoll.
Es gibt heute wirklich keine Geheimnisse mehr. Das erste 'Geheimnis' eines Taiji-Meisters wäre, dass er viel geübt hat. Das zweite 'Geheimnis' wäre, dass er intelligent geübt hat. Wir westlichen Menschen haben so stark die Tendenz, die Dinge über den Kopf zu lösen, dass wir oftmals von einem Meister zum anderen rennen, um endlich das grosse Geheimnis gesagt zu bekommen. Die Worte des Meisters klingen meist einfach, vielleicht leitet er uns nur zu ein paar simplen Körperübungen an. Wir vermuten dann immer, dass es noch mehr geben müsse, dass uns der Meister nicht alles sagt und das wesentliche Geheimnis für sich behält, oder wir lauschen seinen Worten nach, drehen und wenden sie in der Hoffnung, doch noch herauszuhören, was er uns offensichtlich verschweigt, statt das wir einfach üben, den Anweisungen folgen und somit selbst erfahren. Nur durch die eigene Arbeit an und mit mir erfahre ich die Dimensionen des Seins. Sagen wird es mir niemand. Denn es gibt nichts zu sagen. Der Schlüssel zu der Türe des Seins ist Hingabe.
Diejenigen, die wissen, dass sie nicht wissen, werden weise sein.
Diejenigen, die meinen sie wüssten, bleiben unwissend.
Man muss verlieren können um zu gewinnen.
Viele Leute verstehen zu schnell,
um wirklich zu verstehen.
Das Leben ist ein Prozess.
Verlieren können heisst stark werden.
Gewinnen müssen heisst schwach sein.
Der Verlierer wird stärker,
der Gewinner nicht.