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Die Qualität der Interaktion

Das Ritual der Taiji-Form stellt einen wunderbaren Gegenpol dar zum geschäftigen, aufreibenden und zehrenden Alltag vieler Menschen der modernen Welt. Es hilft uns, zur Ruhe und in die Mitte zu kommen, unser Tempo zu verlangsamen, zu entspannen und neue Kraft zu tanken. Durch das Praktizieren einer Form bringen wir Körper und Geist in seinen natürlichen, entspannten, integrierten Zustand zurück. Wir lernen Innere Energie zu entwickeln und an verschiedene Stellen in unserem Körper zu schicken. Genauso wie ruhig sitzend auf einem Meditationskissen können wir mit der Form meditieren. Schliesslich lernen wir durch die Anwendungen, wie man sich mit diesen Bewegungen verteidigen könnte, und wir lernen, uns durch verschiedene Qualitätsebenen der Realität zu bewegen.
Eine Form spiegelt aber in keiner Art das Leben selbst. Sie stellt ein in sich geschlossenes System dar. Man ist ungestört, es kommt nichts Unvorhersehbares, wenn man durch die Form fliesst. Es gibt keine wirkliche, spontane und überraschende Interaktion. Die Form an sich ist eine Form der Meditation. Das Hauptgebiet der Inneren Kampfkünste ist aber gerade die Kunst der Interaktion. Richtig verstanden lehrt es uns, weit über einen allfälligen Akt der Verteidigung bei einem Angriff, wie wir auf nützliche, liebevolle, erfüllende Weise mit den anderen Menschen interagieren können. Wie oft werden wir wohl in unserem Leben von einem Täter körperlich angegriffen? Vielleicht einmal im Leben, zweimal, vielleicht keinmal. Aber wie oft werden wir im Alltag herausgefordert, richtig zu reagieren, zu handeln? Die meisten von uns vermutlich mehr als zweimal!

Der Erfolg Ihrer Taiji-Praxis zeigt sich nicht so sehr darin, wie schön Sie die Form machen oder wie weit Sie jemanden stossen können, sondern wie Sie im Alltagsleben mit Ihren Emotionen und Gefühlen umgehen können.

Es gibt verschiedene ungesunde Arten, mit Emotionen umzugehen: Sich von ihnen überwältigen und dominieren lassen, sie verdrängen oder sie beherrschen wollen und somit unterdrücken. Taiji lehrt uns den richtigen Weg: Alle Emotionen und Gefühle vorbehaltlos zuzulassen ohne von ihnen dominiert und mitgerissen zu werden. Es lehrt uns, dass jegliche Selbstdarstellung unnötig und kontraproduktiv ist und hilft uns, in unserer Dynamik die meditative, betrachtende Mitte zu bewahren.
Hier liegt also der eigentliche Grund, sich in holistischer Bewegung zu üben. Wir lernen, im alltäglichen Leben miteinander umzugehen. Die holistische Bewegung zeigt uns Wege dazu und bietet uns ein Übungsfeld. Deshalb kann das sinnvolle Training einer Inneren Kampfkunst nicht nur das Ritual einer festgesetzten Form beinhalten
"Na, soll ich denn jetzt noch lernen zu kämpfen?", fragen mich die Leute in meinen Kursen, wenn ich ihnen dies erzähle und beginne Tui Shou einzuführen. Die meisten von ihnen sind nicht gekommen, um kämpfen zu lernen, sondern um sich zu entspannen und Ruhe zu finden. Grosse Augen machen sie dann, wenn ich ihnen erkläre, dass sie, durch das Erlernen der Form, schon gelernt haben zu kämpfen, und dass wir jetzt zu erforschen beginnen, wie man trotz einer Herausforderung nicht kämpft.
Es ist wichtig, sich klar darüber zu sein, dass Tui Shou nicht ein Training im Sinne einer Kampfkunst ist, sondern ein Training in der Kunst des Nicht-Kämpfens. Wenn ich angegriffen werde, und ich wende die Prinzipien des Tui Shou an, dann biete ich meinem Gegner absolut keinen Widerstand und auch nichts, was er angreifen könnte. Das Ergebnis ist, dass der Angreifer nach einigen erfolglosen Versuchen erschöpft und verwirrt das Weite suchen wird. Wie ich jemanden kampfunfähig mache, das heisst ihm ein Bein oder einen Arm breche, ihm die Nase blutig schlage oder ihn töte, wird in der Form gelehrt, nicht im Tui Shou. Dies kann nicht überbetont werden, denn dadurch wird klar, dass dem Tui Shou jeder kämpferische Aspekt fremd ist, und somit auch Aktionen, die auf der Funktion des selbstsüchtigen Egos beruhen. Dies macht Tui Shou zu einer zutiefst friedvollen, spirituellen Disziplin.
Ausserdem hilft es uns, die Schwachstellen, die uns durch die Form nicht bewusst geworden sind, herauszuschälen um damit arbeiten zu können.
Der Weg des heutigen Menschen ist ein Weg der Interaktion, der Gegenseitigkeit, fest verwurzelt im Sein. Wir müssen lernen, über Grenzen wie Kontinente und Kulturen miteinander erfolgreich zu kommunizieren, anders lassen sich die Probleme der Erde nicht mehr lösen. Im Gegensatz zu den meisten anderen spirituellen Disziplinen hat Tui Shou den heute unermesslichen Vorteil, ein gemeinsamer Weg zu sein, man kann ihn gar nicht alleine gehen.
Am meisten lernt man durch den direkten Kontakt. Auch die Worte des Lehrers stossen im Unterrichten von Tui Shou schneller als bei der Form an Grenzen. Wovon der Schüler am meisten lernt, ist durch den Kontakt mit dem Lehrer. Nur so kann man wirklich die Qualitäten der Berührung, der Entspannung und des lockeren Stossens erfahren. Der Unterricht im Tui Shou verlagert sich vor allem auf die energetische Ebene. Deshalb ist es unerlässlich, dass die Studenten möglichst oft direkt mit dem Lehrer und fortgeschrittenen Studenten arbeiten können.