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Weiterführende Erläuterungen zu den Prinzipien

Eine Regel sagt: "Du musst es auf diese Weise machen." Ein Prinzip sagt: Das funktioniert... seit Menschengedenken." Ängstliche, unerfahrene Menschen gehorchen den Regeln. Rebellische, ungeschulte Menschen brechen Regeln. Künstler meistern die Form.

Robert McKee, STORY

Integration
- durch Ausrichtung, durch Loslassen, durch Stärkung

Natürliche Bewegung geht von innen nach aussen. Sie startet im Zentrum und breitet sich fliessend aus. Dies setzt voraus, das der Körper ein integriertes Ganzes ist, und nicht eine Ansammlung isolierter Teile, die sich irgendwie und unabhängig voneinander bewegen. Deshalb ist die Integration, die gesunde Körperstruktur essentiell. Nur in einem integrierten Körper kann sich fliessende Bewegung natürlich entfalten. Ein integrierter Körper gibt uns die nötige Basis für weitere Integration.
Integration auf der physischen Ebene heisst erst einmal, den Körper als Ganzes zu betrachten. Das bedeutet, dass kein Teil isoliert behandelt wird, sondern immer die Gesamtheit. Einen Fuss mit einer Fehlhaltung wieder in den Gesamtzusammenhang zu bringen bedeutet also, dass ich nicht mit dem Fuss isoliert arbeiten kann. Die Blockade muss nicht unbedingt im Fussgelenk liegen, sie kann genauso gut im Knie zu finden sein, oder im Becken. Der Ursprung einer Verschiebung des Beckens kann wiederum durch eine ungünstige Haltung der Wirbelsäule verursacht werden, was wiederum zum Beispiel seinen Ursprung in einer Verspannung einer Schulter haben kann. Im Gegensatz zu Rolfing oder anderen Arten der manipulativen Bindegewebemassagen wird aber in der körperlichen Integration durch Taiji nicht manipuliert, das heisst von aussen herbeigeführt, sondern es wird zugelassen und gefördert durch die bestimmte Art der Bewegung.
Es gibt drei Arten, Blockaden zu beheben: Loslassen, aufbauen, ausrichten. Dies sind auch die fundamentalen Prinzipien des Taiji. Loslassen bedeutet Entspannung. Aufbauen bedeutet stärken.
Im Folgenden werde ich nun zu den einzelnen Körperteilen einige Hinweise geben, wie sie in den Gesamtzusammenhang integriert werden können. Nehmen sie einen der Körperteile und arbeiten sie damit, während sie eine Form machen. Effektiver wird es natürlich, wenn Sie auch im Alltag darauf achten. Erzwingen sie nichts. Die Reintegration kann nur durch Loslassen geschehen, und Loslassen nur durch Zulassen. Zulassen kann man nicht erzwingen. Etwas zu erzwingen ist nur hinderlich. Wenn Sie krampfhaft versuchen, sich zu entspannen, werden Sie, um bestimmte Muskeln entspannen zu können, andere anspannen müssen - was nicht der Sinn der Sache ist. Die grösstmögliche Entspannung wird mit der Ausrichtung kommen, wenn jeder Körperteil in seine natürliche Position zurückfällt.
Um das Bindegewebe wieder weich und geschmeidig wie das eines Kindes zu machen, empfehle ich zudem Stretching.

Auf und ab, aber immer in der Mitte

Je höher der Oberkörper oder ein Teil von ihm ist, desto tiefer muss unsere Achtsamkeit sinken, um das energetische Gleichgewicht zu gewährleisten. Das bedeutet:

· Damit das Handgelenk steigt, sinkt das Sprunggelenk
· Damit der Ellbogen sich hebt, sinkt das Knie.
· Damit die Schulter sich hebt, sinkt die Hüfte.

Das Sinken ist physisch, vor allem aber energetisch. Das Fussgelenk zu senken heisst auf physischer Ebene, es etwas mehr zu beugen um den Kontakt zu den Wurzeln zu intensivieren.

Die Bewegung der Wirbelsäule

Die Arbeit mit der Wirbelsäule ist sehr subtil. Die Bewegungen sind sehr klein und dementsprechend muss ein gutes Körperbewusstsein ausgebildet sein, um sie überhaupt wahrnehmen zu können.
Um die Bewegungen wahrzunehmen und zu verfeinern ist eine entspannte Wirbelsäule notwendig. Es gibt immer wieder Lehrer, die ihren Studentinnen und Studenten vorschlagen sich vorzustellen, sie hätten einen Besenstiel verschluckt, um die Wirbelsäule gerade zu halten. Genauso wirkt dann auch ihr Taiji. Denn dieser Rat fördert nicht ein Bewusstsein für den natürlichen inneren Auftrieb einer integrierten Wirbelsäule, sondern im Gegenteil eine rigide Verkrampfung der gesamten Wirbelsäulenmuskulatur.
Stellen Sie sich viel eher vor, wie Ihr Schädel an einem Faden am Himmel befestigt ist, und die gesamte Wirbelsäule mit dem Becken schwingt frei und ohne Gewicht wie ein Seil darunter. Dies fördert den inneren Auftrieb und eine Entspannung der Muskulatur. Jeder einzelne Wirbel wird dadurch beweglich wie die Glieder einer Kette. Und dies ist Voraussetzung, damit die Energie, die aus den zwei Zentren, dem des Menschen und dem der Erde sich ausbreitet, dies auch ungehindert tun kann. Denn wie kommt die Energie vom Becken zu den Schultern? Nicht, indem sich der gesamte Rumpf in einer Bewegung wie eine Statue bewegt, sondern indem sich die Energiewellen der Wirbelsäule entlang ausbreiten.

Yin und Yang klar unterscheiden

Da Taijiquan die Verkörperung des Prinzips von Yin und Yang ist, liegt es nahe, dass darauf auch bei der Bewegung ein besonderes Augenmerk gelegt wird.
Yin und Yang im Taiji heisst zuerst einmal voll und leer, aktiv und passiv, und im Training des Taiji bezieht sich das nicht ausschliesslich, aber zu einem grossen Teil auf die Beine. Bevor ich einen Schritt mache, muss ich das Gewicht hundert Prozent verlagern und erden. Das ist klare Unterscheidung von Yin und Yang, von aktiv und passiv. Denn erst dann kann ich einen Taiji-Schritt machen: das passive Yin-Bein kann zuerst den Fuss dort abstellen, wo er hingehört, und dann wird das Gewicht verlagert. Die Qualität eines Schrittes, der so sorgsam gemacht wird, als würde man eine Decke auf ein schlafendes Baby legen, ist nur durch die klare Unterscheidung von Yin und Yang möglich. Wie sehr unterscheidet sich dieser Schritt von den Schritten, die wir normalerweise machen. Denn die durchschnittliche Alltagsgangart eines westlichen Menschen ist, wenn man es genau betrachtet, ein konstantes Fallen nach vorne. Der Fuss wird immer schon mit Gewicht aufgesetzt und verhindert den Fall des gesamten Körpers auf den Boden. Was passiert, wenn der Boden dann nicht so sicher ist wie erwartet? Man rutscht aus.
Der Taiji-Gang dagegen ist, als ob man auf Eis gehen würde. Durch den sicheren Stand auf dem Yang-Bein kann der andere Fuss den Boden ertasten und auf seine Sicherheit prüfen, bevor das Gewicht verlagert wird.
Ein anderes anschauliches Beispiel ist der Gang der Katze, die sich langsam und lautlos anschleicht. Jederzeit kann sie innehalten oder einen Fuss zurücknehmen. Genauso lautlos ist der Taiji-Gang, und eine einfache Methode zur Überprüfung des Taiji-Schrittes ist, auf die Geräusche zu achten, die dadurch entstehen. Denn es sollten keine entstehen.
Natürlich bezieht sich das Prinzip der klaren Unterscheidung nicht nur auf die Beine. Die beiden Körperhälften fliessen mit ihm, und natürlich der Gegenpol zu den Beinen, die Arme. Sie wechseln sich immer ab in ihrer Aktivität und Passivität.

Oftmals zeigt sich in der Ausführung dieses Prinzips auch ein Missverständnis: Während der eine Arm aktiv ist, hängt der andere schlaff herunter. Passiv und leer heisst aber nicht schlafend oder tot. Erinnern sie sich an den Yang-Punkt im Yin? Auch Yin ist mit Bewusstsein gefüllt. Während der Yang-Arm aufmerksam ist, verhält sich der Yin-Arm achtsam. Dies bezieht sich natürlich nicht nur auf die Arme. Jeder Teil des Körpers, der nicht gerade aktiv ist, muss lebendig bleiben.
Yin und Yang klar unterscheiden heisst also auch:

· leer und doch lebendig
· entspannt und doch bereit

Achtsamkeit und Aufmerksamkeit existieren nicht getrennt voneinander.
In einer Yin-Bewegung, wie zum Beispiel einer Neutralisation eines Angriffs, ist die Achtsamkeit (der Yin-Aspekt des Bewusstseins) in den Armen und Händen, die Aufmerksamkeit (der Yang-Aspekt) in den Füssen und im Boden.
In einer Yang-Bewegung dagegen ist die Aufmerksamkeit (Yang) in den Armen und Händen, die Achtsamkeit (Yin) in den Füssen und im Boden.