Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass Spitzensportler zwar trainiert sind, jedoch kaum je so viele Muskeln mit sich herum schleppen wie Bodybuilder? Und: Haben Sie schon mal einen Bodybuilder Golf spielen sehen? Oder Tennis? Oder beobachtet, wie er sich im Alltag bewegt? Dann wissen Sie vielleicht, dass er es kaum besser macht als sein schlankerer Gegenspieler - im Gegenteil.
Trotzdem denken wir, wenn wir das Wort «Kraft» hören oder lesen, fast unweigerlich an Muskelmasse. Doch was Muskelmänner und -frauen vor allem können, ist, Gewichte langsam in eindimensionalen Bewegungen (nach oben/ unten, nach aussen/ innen, vorwärts/ zurück) zu bewegen. Die eindimensionalen Bewegungen sind dazu da, den Muskel möglichst isoliert zu bewegen und damit zu trainieren. Die Isolation hat nicht nur den positiven Effekt des grösstmöglichen Muskelwachstums, sondern auch die negativen Effekte fehlender Koordination (so genannte intermuskuläre Koordination, wie sie beim Golf oder Tennis spielen und in jeder alltäglichen Bewegung wichtig ist) und der Verkürzung der Muskeln. Vielleicht haben Sie auch schon Muskelmänner gesehen, die zu einem Buckel neigen. Sie haben ihre vorderen Rumpfmuskeln so sehr trainiert, dass ihre Schultern nach vorne und unten gezogen werden. Auch das Phänomen des flachen Rückens ist bekannt. Es fehlt die natürliche Krümmung der Wirbelsäule, weil das Becken von den verkürzten hinteren Oberschenkelmuskeln nach unten gezogen wird. (Das hat nichts mit dem Fallenlassen des Beckens im Taiji zu tun, welches durch Entspannung und Flexibilität geschieht).
Wenn wir also von "Kraft" sprechen, müssen wir uns zuerst einmal von der Vorstellung lösen, sie habe direkt etwas mit Muskelmasse zu tun.
Vielmehr kommt Kraft auf mindestens drei Ebenen vor: Auf der körperlichen, der energetischen und der intentionalen Ebene. Auf jeder Ebene gibt es einen Yin- und einen Yang-Aspekt der Kraft. Hier besprechen wir nun die Kraft auf der körperlichen Ebene.
Yang-Kraft auf der körperlichen Ebene ist Muskelmasse. Es ist nichts gegen Muskelmasse einzuwenden, im Gegenteil. Muskeln stützen das Skelett und fördern die Durchblutung, z.B. den Rückfluss aus Armen und Beinen zum Herzen. Muskeln geben uns «aktive Masse» (im Gegensatz zu «passiver Masse», dem Fett), welche uns hilft, uns zu erden und auf dem Boden zu bleiben. Übermässiges Yang jedoch ist hart, staksig, unkoordiniert, unflexibel, holzig, wir Schweizer würden sagen «chlobig». Übermässiges Yang stützt das Skelett nicht, sondern strapaziert es. Es richtet das Skelett nicht auf, sondern zieht es zusammen.
Yin-Kraft auf der körperlichen Ebene ist elastische Kraft (wobei auch hier wieder ein Yin- und ein Yang-Aspekt vorliegt. Der Yin-Aspekt wird durch IET geübt, der Yang-Aspekt zum Beispiel durch Plyometrics). Die Grundelemente der elastischen Kraft sind Koordination und Entspannung. Schlussendlich können wir diese beiden Elemente auf Entspannung reduzieren, da Koordination die Folge der Entspannung ist. Doch müssen wir dabei von einer «dynamischen Entspannung» reden, denn im Bett liegend oder auf dem Meditationskissen sitzend, werden Sie nie elastische Kraft entwickeln.
Was ist also elastische Kraft? Es ist Explosivkraft oder Schnellkraft, wobei schnell eher im Sinn von dem Verb «schnellen» als von Geschwindigkeit zu verstehen ist. Wenn falls - wir als Kinder draussen spielen, entwickelt sie sich ganz natürlich. Sie zeigt sich als plötzliche Geschwindigkeit, Reaktion und Koordination. Schnell hinter dem Baum verstecken, die Mauer hoch- und runterspringen, wegrennen, sich ducken… Nehmen wir an, wir haben diese Art der Kraft (in Differenzierung zu Muskelmasse oder Ausdauer) als Kinder entwickelt. Die Chance ist gross, dass wir sie am Ende unserer Schulzeit bereits wieder verloren haben. Spätestens ab 40 geht sie endgültig dahin, wenn wir sie nicht trainieren. Stellen Sie sich einen Fünfjährigen vor, der hinfällt, und einen Achtzigjährigen, dann wissen Sie, was ich meine.
Elastische Kraft entsteht durch Speichern und Abgabe von Energie. Da wir uns im Moment auf der körperlichen Ebene befinden, von kinetischer Energie oder Bewegungsenergie. Speichern nennen wir geläufig «Schwung holen, Anlauf holen, ausholen». Wir verdrehen auf irgendeine Weise den Körper, spannen möglichst viele Muskeln an (und möglichst viele Muskeln befinden sich im Rumpf und in den Beinen, nicht in den Armen), lassen die Spannung dann schnell los wie eine Schleuder und setzen damit die gespeicherte Kraft frei.
Der erste entscheidende Punkt ist, dass die Kraft durch das Loslassen freigesetzt wird, und zwar explosiv und koordiniert.
Der zweite entscheidende Punkt ist, dass das Speichern von Energie, das heisst die Anspannung, möglichst entspannt geschieht. Um das zu verdeutlichen, hilft ein extrem vereinfachtes Beispiel: Sagen wir, ich muss einen Kraftaufwand von 40 Kilo aufbringen. Wenn ich einen Muskel dafür einsetze, muss er 40 Kilo leisten. Die Chance, dass er dabei entspannt ist, benennen wir mit dem Wert 1. Wenn ich für die 40 Kilo 2 Muskeln aufbringe, muss jeder Muskeln 20 Kilo leisten, der Entspannungsgrad erhöht sich auf 2. Und so weiter: 4 Muskeln - 10 Kilo Leistung pro Muskel - Entspannungsgrad 4. … 32 Muskeln - 1,25 Kilo Leistung pro Muskel - Entspannungsgrad 32.
Je mehr Muskeln an einer Bewegung beteiligt sind, desto weniger muss der einzelne Muskel also leisten, und desto entspannter kann er arbeiten. Diese Entspannung ist wichtig, damit sich die natürliche Koordination geschehen kann, wenn sich die Bewegung von den grossen Muskeln (welche sich unten, in den Beinen, und innen, im Rumpf, befinden) zu den kleineren Muskeln an der Peripherie ausdehnt. Und hier kommen wir zum dritten entscheidenden Punkt: Damit sich die Bewegung von unten nach oben und von innen nach aussen ausdehnen kann, brauchen wir ein stabiles Zentrum. Wir müssen also entspannt zentrieren und zentriert entspannen.
In der Taiji-Literatur wird die elastische Kraft oft nicht von energetischer und intentionaler Kraft differenziert, und alles wird Qi bzw. Jing genannt. Etwas unbeholfen und auch naiv kommt dann Qi oder Jing «nicht von den Muskeln, sondern eher von den Sehnen».
Die Methoden der Golden River School sind darauf ausgelegt, dass Sie die elastische Kraft gezielt trainieren können.