In vielen oberflächlichen Esoterik- und New Age-Bewegungen wird immer wieder falsch ausgelegt, was es heisst, sich vom Ego zu befreien. Das Ego wird dabei pauschal verteufelt, was sich verhängnisvoll auswirkt. Denn am Anfang jeder erfolgreichen spirituellen Reise steht die Bildung, Festigung und Verankerung eines gesunden Egos, das die Grundlage bildet, um in den bei einer solchen Reise unvermeidlichen Turbulenzen nicht den Boden unter den Füssen zu verlieren. Schauen wir uns daher dieses Ego etwas genauer an.
Erstmals gilt es zu differenzieren zwischen den verschiedenen Aspekten des Ego. Stellt das Ego ein Problem dar, dann vielmehr, weil es nicht voll entwickelt ist. Solange das Selbstwertgefühl nicht entwickelt ist, wird es immer um Selbstbestätigung kämpfen. Dieser Kampf um Selbstbestätigung ist, was sich in der Welt als egoistisches Handeln, Denken und Fühlen manifestiert. Das Selbstwertgefühl erwächst aber aus einem gesunden, integrierten Ego. Solange diese Gewissheit nicht aus dem eigenen Inneren wächst, ist das Ego nicht integriert.
Das Ego ist ein Aspekt des Menschen. Es wird nur dann zu einem Problem, wenn es den Platz in der Mitte einnimmt, denn dann tritt es an die Stelle des Herzens. Physiologisch betrachtet hat das Ego seinen Platz im Solar Plexus. Schauen Sie sich einmal einen Menschen an, der nur ein geringes Selbstwertgefühl hat. Er geht gebückt, die Brust nach unten eingesackt, die Haltung schlaff. Diese Haltung basiert darauf, dass der Solar Plexus nicht genug Stabilität hat. Er ist zu schwach, zu sehr Yin. Deshalb kann man diesen Zustand als eine Yin-Blockade bezeichnen. Ein selbstgefälliger, egozentrischer Mensch dagegen wird oft als aufgeblasen bezeichnet. Er sieht aus, als würde er seine Brust aufblasen, nach vorne strecken und heben. Damit will er allen sagen: "Seht meinen Solar Plexus, wie gross er ist! Das bin ich!" Auch dieser Mensch hat ein kleines Selbstwertgefühl und versucht, es mit Selbstgefälligkeit zu kompensieren. Er macht dies durch von aussen aufgesetzte Aktivität. Er hat zuviel Yang, deshalb kann man den Zustand eine Yang-Blockade nennen.
Es gibt ein System der energetischen Physiologie, mit der sich die Konsequenzen einer Fehlfunktion des Ego anschaulich erklären lässt, das Chakrasystem. Der Mensch hat verschiedene Energiezentren. Sie werden mit dem Namen Chakra bezeichnet, was Rad bedeutet. Sie verlaufen entlang einer vertikalen Linie. In den meisten Systemen werden sie beschrieben als das Wurzelchakra am Damm zwischen After und Genitalien, dem Sexualchakra in der Region des Bauchnabels, dem .... am Solar Plexus, dem Herzchakra, dem Halschakra, dem Stirnchakra, bekannt als Drittes Auge, und dem Scheitelchakra. Jedes Chakra stellt ein Energiezentrum dar, das sowohl für gewisse Organe und Körperfunktionen, als auch für gewisse Aspekte der Psyche und des Geistes zuständig ist. Die Energie, die von unten her aufsteigt, hat in jedem Chakra eine höhere Frequenz, deshalb sind sie, wenn man sie sehen kann, in der Reihenfolge der Regenbogenfarben angeordnet. Sie kann aber nur ungehindert aufsteigen, wenn sie in keinem der Chakras abgeblockt wird. Da das Ego seinen Sitz im dritten Chakra hat, ist es anschaulich, was passiert, wenn die Energie dort durch zuviel Yin (mangelndes Selbstvertrauen) oder zuviel Yang (Selbstgefälligkeit) blockiert wird und nicht mehr weiter aufsteigen kann. Das Herz und somit die Liebe bekommt keine Energie, der Hals und somit die Fähigkeit, die Wahrheit zu formulieren wird blockiert. Die Weitsicht und Fähigkeit, höhere Zusammenhänge klar zu erfassen (Drittes Auge), und auch die Ausrichtung auf göttliche Energien, die im Scheitelchakra passiert, wird verhindert. Deshalb, und nicht, weil es als Ganzes zu verteufeln wäre, ist es wichtig, dem Ego seinen Platz zu zeigen, es zu integrieren. Nur so kann die Energie entlang der Goldenen Linie aufsteigen.
Mehre das Selbstwertgefühl, mindere die Selbstgefälligkeit.
Wegen seinem scheinbar kämpferischen Aspekt, und weil auch Turniere durchgeführt werden, ohne dass es ein hierarchisches System wie z.B. im Judo gibt, zieht Tui Shou natürlich anders als andere Wege wie Zazen oder Qigong mehr Menschen an, die nach Selbstbestätigung suchen, einer Selbstbestätigung, die die Illusion eines selbstsüchtigen Ego nährt, statt es gesund aufzubauen und zu integrieren. Doch gerade weil im Tui Shou der Wettbewerbsaspekt auch eine Rolle spielen kann, ist es ein ausgezeichnetes Übungsfeld, um mit dem Ego in seiner ganzen Bandbreite zu arbeiten.