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Ebenen, Bereiche, Qualitäten und Perspektiven

Im Taiji geht es, jedenfalls so wie ich es unterrichte, um drei Ebenen: Die körperliche Ebene, die energetische und die intentionale. Die drei Ebenen zeigen sich in zwei Bereichen: Im Bereich des ICH und im Bereich des WIR. Der Bereich des ICH umfasst alles, was ich alleine tue: Qigong- und IET-Übungen, Taiji-Formen. Der Bereich des WIR umfasst alles, was ich im Austausch tue, im Kampfkunst-Aspekt des Taiji also, den wir vor allem durch Push Hands üben.
Grundlage für jedes Lernen, jede Wahrnehmung, jede Empfindung sind die zwei Qualitäten Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Sie sind der Yang- und der Yin-Aspekt von Bewusstsein. Natürlich werden Aufmerksamkeit und Achtsamkeit auch erst durch die Beschäftigung mit den Ebenen und Bereichen geschult, da ohnehin immer eine Wechselwirkung zwischen all diesen Teilaspekten, die in Wahrheit ein Ganzes sind, besteht.
Aufmerksamkeit und Achtsamkeit werden dabei zuerst getrennt geschult, um sie dann zusammen zu bringen. Der Zustand von gleichzeitiger, gesteigerter Aufmerksamkeit und Achtsamkeit ist ein Zustand der Inspiration, der Kreativität und der stillen Ekstase, wie sie Künstler erfahren, wenn sie sich voll ihrem Prozess widmen. Daher auch der Name Kampfkunst. Nicht etwa, weil Taiji schwer zu erlernen wäre, sondern weil es Ausdruck eines Zustandes ist, der sich als kreative Inspiration beschreiben lässt (schon hier wird der Gegensatz zum «Form machen» deutlich).

Die körperliche Ebene beleuchtet Aspekte wie Struktur, Entspannung, Atmung, die sechs Koordinaten, entspannte Dynamik und so weiter. Vermittelt wird sie durch Übungen des IET, Formen und Push Hands.

Die energetische Ebene beleuchtet Aspekte wie Aufbau und Umfassen von Energie, Energie zirkulieren lassen, (mit) Energie hören oder Energie projizieren (Qi, nicht die Psyche). Der erste Schritt in der Vermittlung ist die Wahrnehmung bzw. das Empfinden der Energie. Hier ist das Energiefeldtraining von grosser Hilfe, da es Energien im Körper und im Energiefeld freisetzt, die eine jeweils sehr eigene und damit leicht wahrnehmbare, fassbare, empfindbare Qualität haben. Zudem sind diese Energien meist bereits in grosser Menge in unserem Energiesystem vorhanden, sind jedoch abgekapselt. Wir müssen diese «Kapseln» nur öffnen. Dabei stossen wir nicht nur auf einen grossen, schier unerschöpflichen Energievorrat, sondern auch auf neue Aspekte unseres Selbst. Wir müssen auch nicht zuerst Energie aufbauen, weil sie bereits da ist.
Der zweite Schritt ist dann das bewusste Einsetzen oder Lenken von Energie. Wieder, das geschieht im Bereich des ICH als auch durch Push Hands.

Die intentionale Ebene wird fast überall missverstanden. Es ist zwar so, dass Energie durch unsere Absicht gelenkt wird, doch ist Absicht selbst ein Teil der energetischen Ebene. Ich unterscheide die Absicht des Willens und der Persönlichkeit von einer umfassenderen, tieferen Absicht (der Seele, wenn man so will), und nenne dies die Intention. Die Intention drückt sich zwar im Tun aus, ist aber ein Seinszustand, aus dem das Tao entspringt, aus dem authentische Kreativität empor strömt. Die intentionale Ebene beleuchtet schlussendlich Aspekte des ureigenen Potenzials und der Lebensaufgabe und zeigt sich in effektivem, klarem und kraftvollem Handeln und Sein (was in der Taiji-Praxis im Push Hands deutlich sichtbar wird). Vermittelt wird die intentionale Ebene durch bestimmte IET-Übungen und durch direkte Resonanz.
Um diese Ebene zu erreichen, ist es wichtig, bereits auf der körperlichen und energetischen Ebene genügend Vorarbeit gemacht zu haben, da der Prozess sonst bereits bei körperlichen oder energetischen (d.h. in diesem Fall psychischen) Blockaden endet.

Die Wirkungen der Arbeit mit den Ebenen, Bereichen und Qualitäten sind mannigfaltig: Körperliche Gesundheit, energetische Vitalität und geistige Klarheit sind nur die Oberbegriffe dafür.

Nun gibt es aber auch noch die Perspektiven. Die Perspektiven sind Selbst, Natur und Kultur. Alles, was ich oben beschrieben habe, geschieht aus der Perspektive des Selbst: Ich befasse mich mit mir oder im Push Hands mit uns (also mit mir und einem anderen Selbst). Um das zu verdeutlichen: Die beschriebene Arbeit kann theoretisch in einem von den anderen Menschen und von der Natur abgeschnittenen Bunker geschehen.

Wenn wir Taiji tatsächlich in uns verankern wollen, statt nur eine exotische Form zu «praktizieren», dann müssen wir es in unserer Natur und vor allem in unserer Kultur verankern. Der beste Weg dazu ist, es im bereits Vorhandenen zu finden.

Treten wir aber aus dem Bunker (oder dem Dojo) heraus, fügen wir unweigerlich eine Perspektive hinzu: entweder die der Kultur, wenn wir in einer Stadt, einem Dorf sind, oder die der Natur, wenn die Bunkertüre in die Natur führt. Jeder, der in der Natur bereits Taiji gemacht hat, weiss, dass sofort eine neue Qualität ins Spiel kommt. Das liegt an der neuen Perspektive, die sich eröffnet.
In den Kursen in Korsika machen wir zwar sehr viel Integrale Bewegung, lassen uns dabei aber sehr stark von der Natur inspirieren. Die Natur ist in den Korsika-Kursen unser Lehrer. Sie spielt die Hauptrolle. Meine Rolle als Kursleiter ist mehr die eines Vermittlers und Dolmetschers, bis die Teilnehmer die Bewegungs-Sprache der Natur selber verstehen. Wir sind so viel in der Natur, dass wir zu Natur werden.

Bleibt uns die Kultur. Es gibt viele Reiseveranstalter, die Taiji-Reisen nach China anbieten. Da mein Ansatz ein anderer ist, habe ich ein anderes Angebot. Taiji ist für mich nicht eine chinesische Kunst, nichts Exotisches, nichts Fremdes, wie es die chinesische Kultur, Mentalität und Sprache doch den meisten Westlern ist. Das einzig Chinesische sind die überlieferten Formen (welche in meiner Praxis einen kleinen Teil einnehmen). Alles andere ist unser Körper, unsere Energie, unser Wesen.
Daher reise ich nicht mit Interessierten nach China, um dort Lehrer zu treffen und Taiji zu üben, sondern nach Assisi, in die Tiefen unserer Kultur. Und zwar, ohne Taiji zu machen (abgesehen vom fakultativen Qigong bei der Burg mit Blick hinunter auf das Städtchen am frühen Morgen). In Assisi lebte der heilige Franz, der zugegebenermassen seinen Körper nach guter christlicher Tradition nicht kultivierte und daher auch früh verstarb. Er war jedoch eine naturverbundene, inspirierende, einmalige Persönlichkeit, der unsere Welt mehr geprägt hat, als es sich heute vielleicht erahnen lässt. Vor allem aber hat er (ohne sein Zutun, «wu wei» sozusagen) kulturelle Spuren hinterlassen, die, vermutlich unbeabsichtigt, die drei Ebenen Körper, Energie und Intention als begehbare Monumente Assisi prägen. Meines Wissens steht in Assisi die einzige dreistöckige Kirche, die diese drei Ebenen so deutlich illustriert wie ein Bilderbuch. Wenn wir mit der richtigen Einstellung – im richtigen Zustand – durch diese Kirche wandeln, durchwandern wir uns selbst auf allen Ebenen. Das, was wir im Taiji üben und kultivieren, finden wir in Assisi als ein Gebäude aus Stein.
In Assisi finden wir zudem verschiedene Kraftplätze, die uns die eine oder andere Ebene deutlich spüren lassen.
Assisi hat also nicht direkt mit Taiji zu tun, wenn wir darunter verstehen, einen bestimmten Formablauf zu machen. Es hat aber um so mehr mit Taiji zu tun, wenn wir realisieren, dass Taiji mehr ist als Form, und wenn wir in diesen Ort hinein entspannen, als wäre es unser eigener Körper, wenn wir ihn durchwandern, als wäre er unser eigenes Wesen.