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Verflachung und beseeltes Taiji

Taiji wurde einem zweifachen Verflachungsprozess unterworfen. Es wurde erstens (noch) nicht integriert und zweitens reduziert.
Integration worin, Vernetzung womit? Mit unserer Bewusstseinsstruktur, die eine andere ist als die in China vor hundert Jahren. Eine fehlende Integration zeigt sich in der Tatsache, dass es als chinesische Kunst praktiziert wird, statt verwesentlicht (das heißt, sein Wesen freigesetzt) und somit als Praxis zur Entdeckung eigenen inneren Potenzials erkannt zu werden.
Reduziert wurde es in vielerlei Hinsicht (auch unterstützt durch von der chinesischen Regierung initiierte Strömungen). Es wurde insofern integriert, indem es auf das Materielle, Wissenschaftliche reduziert wurde, wie die Moderne es mit allem zu tun pflegte. Doch das ist keine Integration, sondern Verflachung; alles wurde auf die gleiche, niedere Ebene nivelliert. Die gesamte Vielschichtigkeit des Taiji wurde in vielen Kreisen auf Bewegung reduziert. Unter etwas glücklicheren Umständen wurden einige energetische Aspekte nicht wegreduziert. Das energetische Taiji-Verständnis wurde jedoch selten in unser Bewusstsein integriert, obwohl es sich dazu ideal eignen würde, da es sich primär durch konkrete Erfahrung der verschiedenen Qualitäten von Energie erschließt. Stattdessen wird mit chinesischen Begriffen und Konzepten gefeilscht.
Was in noch weiteren Kreisen wegreduziert wurde, ist der Aspekt der Interaktion. Viele Taiji-Praktizierende befassen sich mit ihren Bewegungsabläufen und Teilaspekten des Energieaufbaus, doch daran interessiert, ihre Erfahrungen in einen größeren, umfassenderen Kontext zu stellen und sie auf das Gebiet der Interaktion zu weiten, sie dadurch zu bereichern, zu differenzieren und zu vertiefen, sind sie nicht; unter anderem, weil dahinter ein falsches oder unvollständiges Verständnis von "Kampf"kunst liegt.
Wo der "Kampf"-Aspekt praktiziert wird, wird er verbreitet auf einer relativ "niederen" Stufe (im Sinn einer Entwicklungshierarchie, nicht einer Werthierarchie) praktiziert, auf der animalisch-egoischen Ebene, wo es um überleben und Sieg geht. Auf den "höheren", integraleren Ebenen der Entwicklung wird "Kampf" zu einer Kunst der Begegnung, die aus dieser das Maximum an evolutionärem Potenzial (individuell, relational, d.h. in der direkten Begegnung, und kollektiv) freisetzt.

Der Schlüssel zu einem beseelten Taiji, zu Entwicklung und Wachstum, liegt darin, die verschiedenen Ebenen des Taiji anzuerkennen, denn Annehmen ist immer der erste Schritt. Dann geht es darum, nicht so sehr die verschiedenen Ebenen zu erlernen, sondern sich selbst durch die verschiedenen Ebenen des Taiji zu erforschen. Der Schlüssel ist, das, was du erreichen willst, das, womit du dich befasst, als eine Kraft oder Qualität zu erkennen, die in dir angelegt ist und in dir und durch dich zur Entfaltung strebt. Solange wir äußerem nacheilen, den Worten anderer anhängen, werden wir nicht über eine gewisse Entwicklungsstufe hinaus kommen. Das heißt nicht, einen isolierten Selbstverwirklichungstrip zu starten, sondern das Äußere im Inneren zu erkennen und das Innere im Äußeren, was ein Prozess der Vernetzung, Differenzierung und Integration ist.