Die Welt ist ein evolutionäres Gefüge. Nicht nur auf der materiellen Ebene, auch auf der Ebene des Geistes und der Spiritualität.
Auch Taiji entwickelt sich weiter. Unsere Erkenntnisse neurobiologischer Vorgänge zum Beispiel müssen einen Einfluss auf unser Taiji haben, ebenso welt- und friedenspolitische Erkenntnisse, Entdeckungen der Quantenphysik, und nicht zuletzt unsere ganz persönlichen Einsichten, solange Taiji den Namen "lebendig" verdienen soll.
Gleich vorgemerkt: Wir setzen dem Taiji nichts von außen auf und schwängern es mit Bedeutung, das nicht seine eigene ist. Doch die Welt ist vernetzt. Und gerade Taijiquan, das die Verkörperung und Ausdruck des Taiji durch uns ist – denn Yin und Yang (=Taiji) ist nichts anderes als dynamische Manifestation.
Dynamische, fortschreitende Manifestation: Alte, so genannt authentische Stile und Formen in ihrer "Reinkultur" sind etwas für Traditionalisten, die gerne alte Rituale aufrechterhalten. Das Alte muss mit neuer Erkenntnis durchtränkt werden, um nicht bloß Denkmalspflege zu bleiben.
Während zum Beispiel früher (und auch heute noch, in anderer Form) Taiji-Meister sich Zweikämpfen stellten, bei denen es oft um Leben und Tod ging, und das nur, um zu beweisen, wer der bessere ist, können wir heute die Prinzipien des Taiji anwenden, um Konflikte zu verhindern, oder noch genauer gesagt: das Geschenk der Harmonie aus einem potenziellen Konflikt empfangen. Dieser Vorgang ist nicht einer, bei dem wir Taiji etwas "aufsetzen", ihm eine neue Bedeutung "geben". Wir betrachten Taiji von einer neuen Erkenntnisebene aus, was uns bis anhin nicht erkanntes Potenzial aufzeigt.
Die Traditionen sind das Gefäß für einen wertvollen Wissens- und Erfahrungsschatz, und das ist wichtig! Tradition kann Evolution verhindern, wenn sie absolut gesetzt wird. Wir nehmen der Tradition nichts weg – wir integrieren sie in unser heutiges Bewusstsein, fügen neue Erkenntniswerkzeuge hinzu.
Oft liest man bei uns Inserate, die den "alten, authentischen Yang-Stil" anbieten. Auch gibt es die Diskussion, welcher nun der authentische Stil sei.
Was heißt ‚alt' , ‚authentisch', ‚echt' oder ‚ursprünglich' im Taiji?
Taiji ist die Fusion von Körper, Energie und Geist, die sich durch das individuelle Nervensystem entfaltet. Wir haben es hier also mit einem ‚allgemeinen' und einem ‚individuellen' Anteil zu tun. Der allgemeine Anteil ist folgender: Alle Menschen "haben" Körper, Energie und Geist. Alle menschlichen Nervensysteme, ob chinesisch, europäisch, afrikanisch oder andere, haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede von ihrer Struktur her. Dadurch kann sich Taiji durch alle Menschen entfalten, nicht nur durch chinesische. Andererseits gibt es keine zwei gleichen Nervensysteme, so wenig wie es zwei identische Menschen gibt. Das heißt, dass Taiji sowohl global als auch individuell ist. Wie vertragen sich Individualität (echte, nicht aufgesetzte), und ‚Authentizität'?
Authentisch kann immer nur heißen: So authentisch wie der Stil, der sich durch das Nervensystem von Meister O entfaltet, der ihn von Meister M erlernt hatte, der ihn von Meister L gelernt hatte, usw. Jedes Taiji jedes Meisters ist anders, auch wenn es denselben Prinzipien folgt. "Authentisch" kann sich jedoch nicht auf die Prinzipien beziehen, da diese universal sind. Authentisch kann sich also nur auf Bewegungen und individuelle Auslegungen in Wahrheit universaler Prinzipien oder Philosophien beziehen, und ebenso nur auf eine Momentaufnahme in der Evolution und Involution des Taiji bezogen. "Authentisch", wenn es in diesem Kontext gebraucht wird, heißt also ein manipuliertes Foto einer Momentaufnahme eines Flusses.
Taiji ist die Kunst des Wandels. Warum soll es sich selbst nicht wandeln? Es muss sich wandeln, denn es bewegt sich in der Realität des Wandels, im Yin und Yang eben, in der Manifestation, im Samsara, nicht im Wuji, nicht im Formfreien, nicht im Nirvana.
Warum also soll es sich nicht wandeln? Das Argument, das hier gebracht wird, ist, weil damit Verwässerung und Verflachung einhergeht. Dem stimme ich entschieden nicht zu, und man könnte empirisch beweisen, dass dies nicht so ist. Verflachung ist eine Frage des fehlenden Bewusstseins, und kommt überall vor, im Vorwärtsstrebenden wie im Traditionalismus verhafteten. Nur ein Weg, der die Traditionen ehrt, aber auch bereit ist, sie zu differenzieren, zu integrieren und mit visionärem Bewusstsein zu verbinden, kann der Verflachung entgegen treten.
Wahrhaft authentisch setzt ‚authentisch' nicht mit alt gleich, sondern mit lebendig; eine Lebendigkeit, die sich daraus ergibt, dass sich die Schöpferkraft durch das unmaskierte Individuum entfaltet.
‚Ursprüngliches Taiji' heißt nicht Taiji, wie es damals einmal war (vielleicht, wer weiß das schon), sondern aus dem kreativen Ursprung des Menschen strömend. (Das ist nicht zu verwechseln mit relativistischem Individualismus, im Sinne von: "Es strömt aus mir, es ist mein Taiji, und alles andere geht mich nichts an. Ich bin mein eigener Meister." Das ist nichts anderes als ignorante Egozentrik).
‚Authentisch' und ‚ursprünglich' sind genau betrachtet Bezeichnungen für die kreative Kraft des Universums, die sich durch das Individuum manifestiert.
Noch ein abschliessendes, aber nicht unwesentliches Wort zu Traditionalismus und Authentizität: Wir haben in den Texten ‚authentisches Taiji 1 + 2' Taiji in einen etwas grösseren Kontext gestellt, um zu erkennen, was diese Begriffe, wenn man sie etwas differenzierter betrachtet, eigentlich bedeuten - genau das Gegenteil davon, wie sie heute verwendet werden.
Jetzt weiten wir unseren Blick noch einmal - weg vom Taiji und seinem Kontext, in den Kontext der Beziehung. Denn Taiji ist nicht ein isoliertes ‚Ding', sondern etwas, das durch Beziehungen sich entfaltet - durch die Beziehungen von Körper, Energie und Geist, durch die Beziehungen zweier Menschen, aber auch durch die Beziehung von Individuum (Psyche und Seele) und Universum (engl. spirit, was wir in der deutschen Sprache als Geist bezeichnen, wie so vieles anderes auch). Diese Beziehung, die von Individuum und Universum, stellt die Diskussionen über ‚authentisch' und ‚echt' noch einmal gehörig vor das Problem, ihre Glaubwürdigkeit und Relevanz (wenn sie so vehement und auf Allgemeingültigkeit pochend geführt werden) irgendwie zu rechtfertigen.
Ich gebrauche zur Ausführung ein Beispiel aus der Musik: In der Musik gibt es die Bewegung der ‚Alten Musik'. Man setzt alles daran, ,alte Musik' authentisch erklingen zu lassen. Man nimmt alte Instrumente, studiert genau die Bogenführung von damals, die Art der Phrasierung, Artikulation usw. Die Musik klingt dann auch tatsächlich anders, als wenn wir sie hören, wie sie aus einem romantisch geprägten Kontext heraus gespielt wird. Der Wert dieser Bemühungen ist nicht zu unterschätzen.
Was die in dieser Art aufgeführte Musik aber nie sein kann, ist authentisch. Ganz einfach darum, weil der Mensch (sein Kontext, seine individuellen und kollektiven Erfahrungen, seine kognitiven Fähigkeiten, seine Wahrnehmung, seine psychische Disposition usw.) ein anderer ist. Wir sind auf einer ganz anderen Bewusstseinsebene als die Musiker vor 500 Jahren. Wir nehmen die Musik ganz anders war als die Zuhörer damals.
Wir können vielleicht die Musik an sich mehr oder weniger rekonstruieren, was wir nicht rekonstruieren können, ist die Beziehung zur Musik, als damals diese Musik gehört wurde.
Dementsprechend: Wir können uns bemühen, den Stil des Herrn Chen oder des Herrn Yang von damals zu kopieren. Ihre Bewegungen waren jedoch Ausdruck universaler Prinzipien durch ihr persönliches Nervensystem. Das können wir nicht rekonstruieren. Und was wir erst recht nicht rekonstruieren können, ist ihre Beziehung zum Taiji, das was Taiji zu ihrem ureigenen machte, die Schnittstelle, an der authentisches Entfalten geschieht, wenn sich Individuum und Universum, Evolution und Involution treffen und in einem kreativen Tanz vereinigen, was wir die Seele nennen könnten, um auch diesen wesentlichen Begriff noch einzuführen. Denn zusätzlich zur oben beschriebenen zeitlichen Diskrepanz kommt unser ganz anderer kultureller Kontext.